Tag 1:
Oberstdorf – Birgsau – Rappenseehütte; 3 Std.
Die Idee zu der Tour auf dem Heilbronner Weg hat Maria. „Den können wir gehen, Seil und Kletterset braucht’s da nicht und Kondition habt Ihr genug,“ so fängt Maria einige Neugierige und Bergsüchtige ein. Neben ihr sind Sepp, Uschi, Kathi, Anna, Evi, Martina, Doro und der Schreiberling beim Unternehmen dabei.
Ohne Verschiebung geht es nicht ab, denn der erste Termin wird wegen Schlechtwetter auf Anfang August festgesetzt. Maria bucht die Unterkünfte in der Rappenseehütte und Kemptner Hütte. Nach Tourbüchern sollte der Hochgebirgsweg unter der Woche begangen werden, denn an den Wochenenden kann es da zugehen wie am Irschenberg mit Stau und Zähflüssigkeit.
Nachdem wir am Vortag unseren Stadtlauf gut abgearbeitet haben (als Helfer oder Läufer oder beides), brechen wir am Montag zur zivilen Zeit gegen 09.00 Uhr auf. Nach und nach werden die Teilnehmer in Neuburg, Oberhausen und Burgheim eingesammelt. Die Anfahrt geht ohne Probleme, die Uschi unterhält wie üblich die ganze Besatzung und das Wetter macht keine Anstalten: Sonne und Wolken. Leider verdunkelt sich der Himmel ab Kempten rapide. Die Sicht nach Süden ist eingeschränkt. Zu guter Letzt dreht dann Petrus den Hahn auf…
Um 12.30 Uhr ist es dann soweit. Das Auto ist auf einem der kostenpflichtigen Parkplätze (fünf EUR pro Tag) am Ortseingang von Oberstdorf geparkt und wir marschieren zum Bahnhof, wo am Vorplatz nach kurzer Wartezeit ein Bus nach Birgsau abgeht. An der Endstation auf 956 Meter Seehöhe zeigt das Thermometer lediglich 13 Grad und es regnet, typisch für diesen Launensommer. Birgsau hat rund zehn Häuser, liegt im Stillachtal etwa neun Kilometer südlich von Oberstdorf. Der langweilige Hatscher kann mit einer Busfahrt vermieden werden.
Sepp zieht aufgrund der feuchten Witterung einen Knirps heraus, will damit angeben und zieht alle Blicke an sich. Ich kenne ihn und bin gespannt, was er auf der anderen Seite zuhause hat liegen lassen. Der Wegweiser nach wenigen Gehminuten zeigt unser heutiges Ziel, die Rappenseehütte, in 3 Stunden 45 Minuten Marschierzeit an.
Der Heilbronner Weg ist ein hochalpiner Wanderweg, der in einer Höhe zwischen 2432 bis 2615 Meter verläuft. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind wichtige Fähigkeiten, bergerfahren sollte der Wanderer ebenfalls sein. Der Weg hat eine Länge von rund drei Kilometer, die allerdings nicht unterschätzt werden sollte, denn für den Marsch zwischen Rappenseehütte und Kemptner Hütte sollten sechs Stunden veranschlagt werden. Wer dann noch einen Abstecher zum Hohen Licht oder zur Mädelegabel machen will, dann kommen da noch rund zwei Stunden hinzu. Um keine Hektik und Stress aufkommen zu lassen, der sollte die Tour an mindestens zwei, besser drei Tagen absolvieren. Beste Zeit für ein Begehen ist Anfang Juli bis Ende September, wobei im Juli noch mit Restschneefeldern gerechnet werden sollte.
Nach 30 Minuten erreichen wir den südlichsten Ort Deutschlands, den Weiler Einödsbach (1113 Meter). Der Fahrweg endet, wir laufen auf einem Wanderweg weiter. Der Regen hat mittlerweile aufgehört. Später geht es steil aufwärts, wir fressen im Wald Höhenmeter satt. Unterhalb der Petersalpe (1296 Meter) verlassen wir den Wald, es geht über Bergwiesen weiter empor.
Das nächste Zwischenziel ist die Enzianhütte auf 1804 Meter Höhe. Mittlerweile fängt es stark zu regnen an und es frischt auf. Acht Grad zeigt das Thermometer an der Außenmauer. Wir ziehen unsere Jacken an. Uschi will es ohne Nässeschutz bis zur Rappenseehütte schaffen und zieht mit Dorothee voraus. Als wir uns wieder auf den Weg machen, wirft der Wind eine Werbetafel um.
Rund eine dreiviertel Stunde dauert der restliche Anstieg zur Rappenseehütte (2091 Meter). Empfindlich kalt ist es bei der Nässe nun geworden. Doch nach einem nochmals steileren Stück sehen wir die Hütte am Kleinen Rappensee liegen. Sie wurde 1885 erbaut und ist heute mit 189 Lagern und 115 Betten die größte des Deutschen Alpenvereins.
Während die Mädels Betten bevorzugen, wollen Sepp und ich später im Lager eine Runde schnarchen. 16 EUR kostet eine Nacht im Lager, wer DAV-Mitglied ist, zahlt die Hälfte. Frühstück kostet extra. Wie gut ein heißer Tee oder Kaffee ist, das zeigen einige Verfrorene.
Das Abendessen ist lecker, noch leckerer ist der Rotwein, den der Wirt auf Nachfrage in der Ein-Liter-Klasse ausschenkt. Ein Kartenspiel beschließt dann den fröhlichen Abend. Im Lager habe ich mit dem Sepp genug Platz für unsere Schnarcheinheit.
Tag 2:
Heilbronner Weg: Rappenseehütte – Steinschartenkopf – Kemptner Hütte; 6 Std.
Am Morgen sind dann alle gut ausgeschlafen. Nach dem Frühstück gegen 08.45 Uhr wird abmarschiert. Der Wegweiser zeigt zur Großen Steinscharte (2262 Meter), und das ist die richtige Richtung. Zuerst geht es am Kleinen Rappensee vorbei durch Almwiesen mäßig ansteigend voran, doch dann nimmt die Steigung zu. Die Aussicht ist nicht berauschend. Ja, es wird immer kühler, dass man gerne auf Handschuhe und Goretex-Jacke zurückgreift.

Zweckmäßigerweise sollte man die Wanderung über den Heilbronner Weg nicht im Frühsommer, sondern erst im Hochsommer, noch besser im Spätsommer unternehmen. So sind dann die Altschneefelder an den Nordhängen abgetaut und der Wanderer hat dadurch weniger heikle Situationen durchzustehen. Die grüne Landschaft macht jetzt immer mehr den Steinen und Felsen Platz.

Wir sind gut eine Stunde unterwegs, da kündigt ein Hinweisschild den Heilbronner Weg an. „Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und alpine Erfahrung erforderlich“, heißt es da. Wer da Bedenken hat, diese Vorgaben zu erfüllen, für den wäre es die letzte Gelegenheit umzudrehen.

Abenteuerlich wird es jetzt, auf das sich Sepp lange gefreut hat. Mittlerweile hat der da oben seinen Hahn wieder aufgedreht. Aber nicht Aqua in flüssiger Form, sondern im festen Aggregatzustand kommt das quer daher. Wir ziehen gerne das Genick ein.

Wir sind gerade mal 20 Minuten unterwegs, da kommt schon der erste Höhepunkt: Wir müssen durch das Heilbronner Thörle, einem schmalen Felsspalt, wo jeder durch muss. Wer Überbreite hat, der hat ein Problem.



Mittlerweile liegt wenig Schnee auf den Felsen, es ist aber nicht gefährlich, denn der Untergrund ist noch warm und das Weiß taut ab. Unser Weg steigt immer mehr bergan, bis wir rechts oben eine Eisenbrücke schemenhaft im Nebel erkennen. Mithilfe einer Eisenleiter gelangen wir auf den Steinschartenkopf (2615 Meter).



Das ist jetzt der höchste Punkt des Höhenwegs. Gleich danach kommt die Brücke, die oft in Berichten abgebildet ist. Der wenige Schnee macht die Eisenbrücke auch etwas glatt. Also sollte man beim Begehen nicht unbedingt beide Hände in den Hosentaschen haben.


Die Tendenz unserer Wanderung ist gefällig, wir marschieren ein Stückchen am Bergkamm entlang und steigen dann zur Socktalscharte (2446 Meter) ab. Bei Schlechtwetter wäre hier eine Abbruchmöglichkeit (Notabstieg) in Richtung Waltenbergerhaus (eine Stunde entfernt) möglich.
Von der Scharte geht es wieder, na was wohl, bergauf! Genau auf dem Grat verläuft die Grenze zu Österreich. An einem Grenzstein, der mit Ö gekennzeichnet ist, hat einer in das Ö einen Smiley gezeichnet. Nicht nur mir kommt ein Lacher aus.

Unser weiterer Weg ist bei wenig Sicht auf und nieder. Maria meint aufgrund des Nebels: „Den Weg werden wir nächstes Jahr wieder machen. Irgendwann werden wir ja mal was sehen.“

In einer Scharte wird auf die Schnelle was getrunken und gegessen. Ich sehe eine Leidende, deren Handschuhe da sind, wo sie hingehören: Nämlich zuhause. Die Martina, die schon auf 4000ern stand und was weiß ich in den Bergen unternommen hat, hat Hände wie ein Eisblock. Im Fortgang lichtet sich immer wieder für Momente der Nebel und wir haben Sicht ins Lechtal (rechterhand) oder ins Illertal. Die Wiesen schimmern fast neongrün herauf. Da unten scheint die Sonne. Bis die Kamera betriebsbereit ist, stehen wir wieder in der Waschküche.

Bockkarscharte (2505 Meter), kurz zuvor ging es über den Bockkarkopf (2609 Meter), hier kann nochmals zum Waltenberger Haus abgestiegen werden. Fünf Minuten später sehen wir den Schwarzmilzferner, ein ganz kleiner Gletscher, der nicht mehr lange bestehen wird, sollte es weiterhin relativ hohe Temperaturen in der Höhe geben.

Rund zehn Minuten lang versuchen wir auf dem Schneefeld den Weg zu finden, denn die Markierung ist spärlich geworden und wir sehen viele Spuren kreuz und quer. Welche ist denn richtig? Später erfahren wir, dass wir uns an der Bergseite hätten halten sollen.

Der geplante Anstieg zur Mädelegabel fällt der schlechten Sicht zum Opfer. Außerdem müsste im Bereich des Gletscherchen der Abzweig nach oben sein. Wir ziehen den Sepp auf, der gerne da hinauf wäre. Ein Mädele hat er ja, weil er ist ja schon verheiratet. Wer hätte gewusst, das mit dem Mädele von der Gabel eigentlich eine kleine Mähwiese unterhalb der Spitze gemeint ist. Eigentlich fast logisch, dass bei unserem Weiterweg die Umgebung sehr schnell grün wird.

Kurz nach 14.00 Uhr gibt es abermals eine kurze Pause. Da haben wir jetzt wesentlich mehr Platz. Es ist auch merklich wärmer geworden. Einige Einheimische mit Pfählen und Werkzeug kommen uns entgegen. Uschi, fürs Fragen zuständig, erfährt, dass die ein paar Markierungen an der Schwarzen Milz anbringen wollen. Nach rechts führt später ein Wanderweg talwärts über die Roßgumpen hinaus in Richtung Lechtal und Holzgau.

Unterhalb ist dann das Mädelejoch (1974 Meter) zu sehen, da ist auch die Staatsgrenze. Die Kemptner Hütte (1844 Meter) erreichen wir nach wenigen Minuten Fußmarsch. Vorher hören wir das Pfeifen der Murmeltiere.

Die Hütte bietet Unterkunft für rund 290 Personen und ist somit auch nicht gerade klein. Der vorbeiführende europäische Fernwanderweg E5 sorgt zusammen mit dem Heilbronner Höhenweg für eine gute Auslastung. In der Hütte gibt es dieses Mal Lager für alle unterm Dach. Die warme Dusche muss aufgrund der fehlenden Solarenergie ausfallen. Außer für Kaltduscher. Abendessen gibt es nach Karte, dazu wieder Bier, heißen Tee oder eine Flasche Vino Rosso.



Da heute wesentlich mehr Bergwanderer übernachten, erweisen mir die Ohropax einen guten Dienst, denn ich höre außer den Regenschauer keinen aufs Örtchen verschwinden. Und angeblich sind einige unterwegs.
Tag 3:
Heilbronner Weg: Kemptner Hütte – Muttlerkopf – Spielmannsau; 5,5 Std.
Als ich am Morgen um 07.00 Uhr aus dem Fenster schaue, haut es mich fast aus den Socken. Bis deutlich unter 2000 Meter hat es in der Nacht heruntergeschneit. Aber dafür ist der Himmel schon fast blank geputzt. Auf zur letzten Tat. Die Hüttenwirtin erkundigt sich schon vor dem Frühstück, wohin es geht. Dass die Mädelegabel bei diesen Verhältnissen nicht gangbar ist, ist uns klar. So werden wir uns am „Hausberg“, den Muttlerkopf, versuchen. 2368 Meter ist der hoch. 500 Höhenmeter bei zwei Stunden, das ist gerade richtig zum Warmwerden.
Bereits vor dem Mädelejoch zweigt der Hinweg zum Muttlerkopf links ab. Nur mäßig ansteigend kommen wir unserem Ziel näher. Wir sind rund eine halbe Stunde unterwegs, da liegt schon der Schnee abseits des Wanderwegs. Die Aussicht auf den Sperrbachtobel, wo wir später absteigen werden, und auf den Grasrücken mit der Kemptner Hütte ist prächtig.

Martina will sich als Fotomensch betätigen, „damit Du auch mal drauf bist.“ Die Steigung nimmt zu. Mittlerweile liegt der Schnee auch auf dem Wanderweg.

Dann nach rund 1,5 Stunden Lauferei sehe ich bereits das Kreuz des Muttlerkopfes. Da waren wir wirklich schnell unterwegs. Oder der Weg- und Zeitvermesser hat sich ein wenig vertan.





Es hat am Gipfel unter 0 Grad, denn am Halteseil des Kreuzes hängt gefrorener Niederschlag. Zehn Minuten genießen wir die Aussicht auf Krottenkopf, Mädelegabel und Co., dann machen wir uns auf den Abstieg. Und da sehen wir Gämsen und Murmeltiere, die überhaupt nicht scheu sind.

An der Kemptener Hütte zurück ist gerade Hüttenputz, wo wir nicht stören wollen. Den verdienten Kaffee und Kuchen soll es dann im Tal geben. Der Abstieg nach Spielmannsau ist auf zwei Stunden taxiert. Am Anfang geht es noch gemächlich bergab, dann wird es steil. Der Sperrbach hat sich hier tief sein Bett gegraben. An einigen Stellen hängen Drahtseile zum Festhalten. Aber teilweise spritzt da das Wasser drüber. Entweder Sicherheit haben und nass werden oder Abenteuer.

Die erste Etappe des E5 geht hier hoch. Wer da schon „Manschetten“ auf seiner Wanderung hat, sollte umkehren. Wir verlassen den Sperrbachtobel nach unten und überqueren das Gewässer kurz vor der Wallfahrtskapelle „Maria am Knie“. Zeit für eine Brotzeit.



Später führt der Abstieg wieder in den Wald. Der Wanderweg wird für ein kurzes Stück zunehmend matschig. Ein befestigter Weg bringt uns schließlich in den Talgrund, wo der Durst und Hunger in der Spielmannsau gestillt wird. Das Hüttentaxi bringt uns für fünf EUR pro Nase zurück nach Oberstdorf. So sparen wir uns nochmals über eine Stunde Talhatscherei.


So gehen drei Erlebnistage schnell zu Ende. Ob wir den Heilbronner Weg in der Zukunft noch mal gehen, wird sich zeigen, denn die Allgäuer Alpen bieten unzählige Möglichkeiten für eine Hüttenwanderung. Schaun `mer mal.






