Tourbericht: Oberstdorf – Silvretta 11.09.2011 bis 16.09.2011

 

Wie jedes Jahr unternehmen einige der Leichtathleten eine geführte Wanderwoche in den Alpen. Wie es da zuging, steht in diesem Tourbericht.

 

Vorwort

„Vom südlichsten Dorf Deutschlands zu den Gletscherbergen in der
Silvretta – mit Besteigung des Piz Buin (3312 Meter). Diese herrliche Wanderung führt von Hütte zu Hütte, über Kämme, Sättel und Höhenwege in die großartige Gletscherwelt der Silvretta. Durch das Gemsteltal in den Allgäuer Alpen gelangen wir zum Hochtannbergpass. Weiter geht es durch das Lechquellengebirge und das von einer herrlichen Alpenlandschaft geschmückte Verwall. Als krönenden Abschluss besteigen wir mit Steigeisen, Klettergurt und Seil (keine Erfahrung erforderlich) den vom ewigen Eis umgebenen 3312 Meter hohen Piz Buin. Großartige Aussichten im Dreiländertreff Vorarlberg, Tirol und dem schweizerischen Engadin inklusive!“

So heißt es in der Beschreibung der Wanderung auf der Homepage der OASE und auch im Katalog. Vorgeschlagen hat diese Tour wieder Stefan, den wir wiederholt als Bergführer gewählt haben und der uns schon gewohnt ist. Und wir ihn! Denn wir werden alle älter und bekommen dadurch vielleicht die eine oder andere Macke. Die Silvretta und das Verwall kenne ich schon von früheren Urlaubswanderungen. Aber nicht als Wandertour nonstop von Hütte zu Hütte. Wird dann Zeit!

1. Tag, 11.09.2011

Treffpunkt 9 Uhr, OASE AlpinCenter. Busfahrt nach Bödmen im Kleinwalsertal (1156 Meter). Zuerst geht es flach, dann immer steiler durch das Gemsteltal zum Obergemstelpass (1972 Meter). Von hier sind es nur noch ein paar Minuten zur Widderstein Hütte (2009 Meter) (Einkehrmöglichkeit). Abstieg zum Hochtannbergpass (1666 Meter) und Busfahrt nach Lech (1444 Meter), dem weltberühmten Wintersportort. Wir befinden uns jetzt schon im Lechquellgebirge. Auffahrt mit der Seilbahn zum Rüfikopf (2362 Meter). Über einen wunderschönen Panoramahöhenweg geht es vorbei am Monzabonsee bis ins Paziel-Tal. Schließlich erreichen wir die Stuttgarter Hütte (2305 Meter), unsere heutige Unterkunft.

Gehzeit ca. 6 Stunden, Aufstieg 1150 Meter, Abstieg 700 Meter. So die Kurzbeschreibung des jeweiligen Wandertages von OASE.

Zum fünften Male im Jahresabstand eine aktive Urlaubswoche. Darauf freut sich nicht nur der Verfasser dieses Tourenberichtes, der Anton, sondern auch noch Christiane, Maria, Ulli, Uschi, Hermine, Sepp, Ferdinand, Karl, Ratko, Herry, Bernhard und Gerhard. Der Letztere hält die Gruppe zusammen, versorgt uns mit Informationen und bucht schließlich. Unser Bergführer ist der Stefan Gstrein aus Obergurgl, wieder einmal.

Nur einen Tipp für die Rucksackpackerei lasse ich los. Wer die mitzunehmende Kleidung in einem großen Müllsack verpackt, der kann sicher sein, dass die Klamotten trocken bleiben. Mehr als acht, neun Kilo sollte der Wanderer nicht mitnehmen, denn man braucht auf dieser Hüttentour weniger als man glaubt. Sonst wird die Tour zur Tortur. Stefan berichtet von vereinzelten Erstgängern des E5, die mit 14 Kilogramm schweren Säcken daherkamen und die riesige Essrationen dabeihatten, als ginge es in die Sahelzone. Ein paar Riegel oder ein Päckchen Nüsse reichen allemal, denn auf den Hütten kann nachdisponiert werden. Und wer unterwegs einen Hungeranfall bekommen sollte, der Bergführer hat bestimmt da ein Gegenmittel in Form eines Schokoriegels dabei.

Was empfiehlt die OASE als Ausrüstung für diese Tour? Rucksack mit rund 35 Liter Fassungsvermögen, Rucksackhülle, Unter-, Oberbekleidung, Berghose, Wind- und Regenschutz, Bergschuhe, Hüttenschuhe, Sonnenschutz, Ausweis und was man sonst noch alles an persönlichen Sachen braucht. Tourenverpflegung, Riegel und natürlich genügend Getränke (Minimum ein Liter) sollte man auch mitführen.

Die Anreise nach Oberstdorf wollen wir mit der Bahn erledigen. So hat man Zeit und Muse, sich auf die sechs Tage vorzubereiten. Doch kurz nach Donauwörth, wo eine Schaffnerin unsere Karten abzwickt, fängt es schon gut an. Gerhard und Herry haben kein Vertrauen in die Bahn und das rächt sich. Nach Dillingen geht es in der ersten Dämmerung nur wenig schneller als ein gemütlicher Radfahrer unterwegs ist. „Streckenbelegung“ heißt es kurz und knapp. Da kann etwas auf den Schienen liegen oder ein Güterzug hat einen Waggon verloren. Und wenn die Strecke im jeweiligen Abschnitt nicht frei ist, heißt das auch in der Sprache der Bahner „Rotausleuchtung“, was bedeutet, dass der jeweilige Zug nur auf Sicht fahren darf. Wenn es dunkel ist, dauert das natürlich. Der Anschlusszug in Günzburg ist natürlich auf und davon. Dafür gibt im Bahnhofskiosk ein ausgiebiges zweites Frühstück.

 

 

 

 

 

Die Chose führt dazu, dass wir nicht pünktlich in Oberstdorf ankommen werden. Wir informieren Stefan über Bernhards Handy, denn das von Gerhard ist nach falscher Eingabe der Pin beleidigt und stellt die Arbeit ein. Und Stefan kennt sich jetzt um neun Uhr, der eigentlichen Treffpunktzeit, gar nicht mehr aus. Denn die Schwaben Karl und Radko sind die einzigen pünktlichen. Außerdem ist da noch ein Wanderer, den er nicht auf seiner Liste hat (es ist Philipp). Und Ulli und Ferdl kommen gerade recht verschlafen um die Ecke, so berichtet Stefan. Und er beweist Organisationstalent. Denn wir werden dann in Sonthofen mit einem Kleinbus abgeholt und ins Kleinwalsertal gefahren. Die Fahrt endet nicht wie vorgesehen in Bödmen, sondern geht gleich weiter nach Baad (1220 Meter), dem Talschluss.

Baad hat seinen Namen zu Recht, denn 1434 wurde die dortige Thermalquelle erstmals urkundlich erwährt. Ein Erdrutsch im Jahr 1860 ließ die Quelle versiegen. Bemühungen, das gesunde Aqua wieder zum Laufen zu bringen, scheiterten. Unsere Wanderung beginnt im Bärgunttal, zum Anfang mit wenig Steigungsprozenten. Viele Spaziergänger und Tagesgäste sind noch zu sehen.

 

 

 

 

 

Erstes Etappen(zwischen)ziel ist die Bärgunthütte (1408 Meter), doch Zeit für eine Einkehr findet sich nicht. Ist ja noch zu früh, denn wir wandern erst gut eine halbe Stunde. Der Wald bleibt hinter uns und kurz vor dem Waldrand gibt Hermine eine Hiobsbotschaft von sich. Sie kann nicht mehr und kehrt um. Gutes Zureden hilft nicht. Sie sieht sich nicht in der Lage, die komplette Tour zu bewältigen. Schweren Herzens müssen wir uns von ihr trennen.

 

 

 

 

 

Kurz danach kommen uns ein paar Jäger entgegen. An deren Rucksäcken hängen ein paar geschossene Murmeltiere. Östlich von uns ist der 2533 Meter hohe Widderstein zu sehen. Begehen kann diesen nur ein erfahrener Bergwanderer, denn da muss auch mit den Händen zugegriffen werden, will man oben am Gipfelkreuz ankommen.

 

 

 

 

 

Es ist heiß, so dass jede Erfrischung ausgenutzt wird. Stefan macht es vor, trinkt aus einem Bächlein und einige löschen so auch ihren Durst. An Ende der Steigung sind wir auf dem Hochalppass auf etwa 1950 Meter Höhe angekommen.  Bei einer Pause unterhalb des Passes wird eine Brille gefunden, die Gerhard gleich ausprobiert. Nur, sie hilft ihm nicht, denn er verlangt trotz Sehgerät einen Blindenhund.

 

 

 

 

 

Die knapp 300 Höhenmeter bergab zum Hochtannbergpass (1676 Meter) sind schnell zurückgelegt. Es trifft sich gut, dass wir auf den Bus, der uns nach Lech am Arlberg transportiert, nur wenige Minuten warten müssen. Die eingefahrene Verspätung der Bahn ist wieder egalisiert, so Stefan.

 

 

 

 

 

Lech (1444 Meter) gründeten im 13./14. Jahrhundert eingewanderte Walser. Der Ort hieß bis ins 19. Jahrhundert Tannberg am Lech. Der Wintersport dominiert natürlich heute die Gegend. Da kann es dann schon mal passieren, da aufgrund der Schnee- und Lawinenlage eine Aus- und Einreise eine Zeitlang nicht geht. Oberhalb der Strasse sehen wir die Pfarrkirche St. Nikolaus aus dem Jahr 1390.

 

 

 

 

 

Ein verrücktes Rennen gibt es hier auch. „Der weisse Ring“ ist eine Skirunde und diese wird auch jährlich wettkampfmäßig ausgetragen. Fast 22 Kilometer und 5500 Höhenmeter sind dabei mithilfe der Lifte zurückzulegen. Wer da vor seinem Konkurrenten einen Sessellift vorher erwischt, hat schon einen guten Vorsprung. Der Streckenrekord liegt bei 44 Minuten, den Patrick Ortlieb aufgestellt hat. Mit der Seilbahn gondeln wir auf den Rüfikopf (2362 Meter). Eine grandiose Aussicht. Für den ersten Moment nicht für Bernhard, der etwas blass um die Nasenspitze aus der Bahn aussteigt. Die Höhenluft?

 

 

 

 

 

Auf der Aussichtsplattform des eigentlichen Gipfels sind viele Berge angezeigt. Ein Abstecher lohnt sich. Nach kurzer Pause auf dem Rüfikopf wandern wir weiter. Ein Wegweiser zeigt die Stuttgarter Hütte in zwei Stunden Gehzeit an.

 

 

 

 

 

Eigentlich müssten wir hier am Monzabonsee vorbeikommen. Doch der liegt vermutlich ein wenig höher als unser Wanderweg unterhalb des Rüfikopfes. Dafür ist die Aussicht hier im Ochsengümpele herrlich. Wenn wir die Bilder anschauen, dann könnten wir uns aufgrund der Brüchigkeit des Gesteins fast in den Dolomiten befinden. Die Art des Gesteins nennt man Hauptdolomit (aha!), aber wir sind ja in den Lechtaler Alpen.

 

 

 

 

 

Der Höhenweg zu unserer Unterkunft, der Stuttgarter Hütte, hat zu unserer Überraschung noch ein paar Höhenmeter parat, die es zu bezwingen gilt. An der Rauhekopfscharte (2435 Meter) können wir dann schon unser „Ein-Tages-Domizil“ sehen. Der abenteuerlustige Sepp turnt in den Felsen herum, während der Rest eine kurze Trinkpause einlegt. Herry bekommt schon an der Scharte seine Bierbestellung und macht sich davon.

 

 

 

 

 

Knapp 30 Minuten brauchen wir noch zur Stuttgarter Hütte (2305 Meter). 1910 wurde sie erbaut, wurde mehrmals modernisiert und bietet heute 70 Personen Unterkunft. Die Zimmer, die wir bekommen, sind zwar klein, aber neu eingerichtet. Wer duschen will, für einen EUR wird man frisch und sauber.

 

 

 

 

 

Die Küche zaubert ein leckeres Menu, angeführt von einer Kürbiscremesuppe. Nach dem Hauptgang brauchen die ersten schon einen Beschleuniger. Unsere Neulinge in der Gruppe, Philipp und Christiane, werden in das Team nur nach Ausgabe eines hochgeistigen Getränkes aufgenommen.

 

 

 

 

 

2. Tag, 12.09.2011

Nach einem guten Frühstück wandern wir über den Bosch Weg zur Trittscharte (2580 Meter). Abstieg über die Ulmer Hütte (2279 Meter) nach St. Christoph (1765 Meter) am Arlbergpass (Einkehrmöglichkeit). Am Nachmittag geht es gemütlich weiter bis zur Kaltenberg Hütte
(2 081 Meter), unserem heutigen Ziel.

Gehzeit ca. 7 Stunden, Aufstieg 800 Meter, Abstieg 800 Meter.

In der Nacht geht ein Schlechtwettergebiet durch und am Morgen tröpfelt es noch. Wir lassen uns mit dem Frühstück Zeit. Eine Alternative wird durchdiskutiert. Sollte sich das Wetter nicht bessern, so könnte man nach Zürs absteigen und den Bus nach St. Christoph nehmen. Doch gegen 08.45 Uhr gibt Stefan ein Zeichen für den Aufbruch auf der ursprünglichen Route des Boschweg Richtung Trittscharte: „Pack mers!“ Es nieselt nur noch leicht. Dafür ist die Sicht aufgrund Nebels eingeschränkt.

 

 

 

 

 

Der Weg ist zwar mitunter ausgesetzt, aber dann doch besser als erwartet. Leben kehrt wieder in die Gruppe zurück, als der Niederschlag endet und die Wegverhältnisse sich weiter bessern. Uschi, in ihrem Naturell immer neugierig, frägt Philipp ein richtiges Loch in den Bauch. Ja, bei uns gilt die Devise, wenn du was wissen willst, Uschi fragen.

 

 

 

 

 

An einem Wegabzweig halten wir uns links, denn die Wanderung über die Trittscharte ist im Spätsommer nicht ganz ungefährlich. Grund dafür ist der Rückgang des Pazüelferners und dadurch ist unterhalb der Trittscharte ein Blockhang instabil geworden. Aber die Alternative bietet nicht weniger Abenteuer, denn die Variante (auch ein häufiges Wort unseres Bergführers) führt über die Valluga (2809 Meter). Wobei der Stefan mit dem Wort Variante gern ein Verlaufen beschreibt (kommt bei ihm aber selten vor).

 

 

 

 

 

Die ersten Sonnenstrahlen sorgen dann bei zweien für Gefühle im Bauch. Der Weiterweg auf die Valluga wird dann anstrengender als bisher. Das Geplappere in der Gruppe wird weniger.

 

 

 

 

 

Dann biegen wir auf den Zustieg zur Valluga ab. „75 Minuten“ und „nur für Geübte“ sagt ein Wegweiser. Der Anstieg wird zur schweißtreibenden Angelegenheit.

 

 

 

 

 

Und Hände braucht man am Ende zur Valluga auch, denn es wird sprichwörtlich zur Kraxelei.

 

 

 

 

 

Der Gipfel ist „das Höchste“ im Arlberggebiet. Andreas Madlener aus Bregenz bestieg den Berg im Jahr 1877 zum erstem Mal. Wir finden hier ein Wetterradar der Landeswarnzentrale Vorarlberg. Der Name Valluga kommt vom rätoromanischen Val Vaccaria, was zu deutsch Kuhtal bedeutet. Wem man sich nicht an der Bebauung stört, dann ist der Ausblick gigantisch, aufgrund der Bewölkung fast ein wenig dramatisch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Vallugabahn II bringt uns knapp 200 Höhenmeter hinunter auf den Schindlergrat (2642 Meter). Nur sechs Personen passen in eine Gondel. Ein wegloser Abstieg wäre laut Stefan auch möglich, doch dieser ist gefährlich. Unten wird an einer Piste gebaut. Im Bahngebäude nötigt man mich, neben einem Pin-Up-Girl-Poster Aufstellung zu nehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Danach beginnt der lange Abstieg nach St. Christoph, der rund zwei Stunden dauern soll. Zuerst geht es steil dahin durch Stein- und Felsengelände, danach trampeln wir auf einer Abfahrtspiste dahin.

 

 

 

 

 

Beim weiteren Abstieg, nun bereits auf den Grasmatten unweit der Ulmer Hütte sehen wir vollgefressene Murmeltiere, die aufgrund ihres Winterspecks kaum mehr laufen können. Ein langsamer Fotograf kann sich bis auf fünf, zehn Meter annähern, bis die Tiere Reißaus nehmen. Die Einkehr in die Ulmer Hütte entfällt, da diese just am Vortag ihre Sommersaison beendet hat. Im Winter ist hier halt mehr zu verdienen. Ein interessantes Rennen findet am Ende der Wintersaison statt. „Der Weiße Rausch“ führt von der Galzig Bergstation über die Ulmer Hütte nach St. Anton. Rund 500 Teilnehmer werden im Massenstart bei vielleicht matschigen Schnee losgelassen. Bei Gegenanstiegen muss sogar abgeschnallt werden. Während die Schnellsten in rund acht Minuten ins Ziel brettern, brauchen die Letzten rund eine Stunde. Nicht panem et circensem, sondern eher birrem et circensem ist wohl deren Motto.

 

 

 

 

 

Kuchen und Deftiges wird dann in St. Christoph (1765 Meter) knapp unterhalb des Arlbergpasses vertilgt. Für eine ausgiebige Mittagspause ist es jetzt um 13.30 Uhr fast zu spät. Maria ist anlehnungsbedürftig und stellt an mir fest, dass ich an der Schulter zu „boanig“ bin. Das ist ja eine Unverschämtheit, darf sie sich mit einem Augenzwinkern von mir anhören.

 

 

 

 

 

St. Christoph ist ein kleiner Wintersportort, der zu St. Anton am Arlberg gehört. Wir sind jetzt im Stanzertal und das liegt in Tirol, hart an der Grenze zu Vorarlberg. Ja, die Wanderung von Oberstdorf zur Silvretta überschreitet mehrmals die Landesgrenzen von Tirol nach Vorarlberg. Es gibt eine Formel, wo man sich befindet. Fließt das Wasser in Richtung Rhein (nach Westen), dann sind wir in Vorarlberg. Ist die Entwässerung nach Osten Richtung Inn, dann bewegen wir uns in Tirol. Einen hohen Bekanntheitsgrad hat das Hospiz, das im 14. Jahrhundert von Heinrich, einem Findelkind aus Kempten, erbaut wurde. 1956 wurde das Hospiz und die angrenzende Christophoruskapelle durch einen Brand vernichtet und in den Jahren danach wiederaufgebaut.

 

 

 

 

 

Für die folgenden gut zwei Stunden wird es gemütlich, denn die Kaltenberghütte ist 2,5 Stunden entfernt. Nur noch rund 300 Höhenmeter auf dem Paul Balting Weg warten auf die Bezwingung. Ein kleiner See und viele Büsche mit reifen Preiselbeeren erfreuen Auge und manchen Magen. Hochmoore und kleine Bäche sorgen auf unserem Weg für Kurzweil.

 

 

 

 

 

Auf unserem Weiterweg wird der Ausblick nordwärts ins Lechquellengebiege wieder spektaklärer. Auf unserer Seite sind Statuen zu sehen, von denen wir am Anfang meinen, da seien Wanderer unterwegs. Tatsächlich handelt es sich da um Kunst des Briten Antony Gormley. Die 100 Statuen stehen auf einer Höhe von exakt 2039 Meter Seehöhe und sind in einem Gebiet von 150 Quadratkilometer verstreut. Horizon Field nennt sich dieses Werk. Philipp macht sich auf den Weg, eine dieser Statuen in der Nähe betrachten zu können. Der Rest der Gruppe pausiert derweil.

 

 

 

 

 

Nach weiteren dreißig Minuten wandern erreichen wir die Kaltenberghütte (2089 Meter), die 1928 von der Sektion Reutlingen erbaut wurde. Nur wenige Minuten hinter der Hütte befindet sich ein kleiner See, der zum Bade einladen soll. Ist eine Sache für Maria, der es nie zu kalt ist. Hüttenwart Ulli erwartet uns schon sehnsüchtig und nimmt gleich die Bestellung auf, bevor wir die Zimmer beziehen.

 

 

 

 

 

Felix, die Bedienung, ist ein Mann der kurzen Wege. So serviert er das Bier gleich vom Küchenfenster aus. Der Platz an der Sonne ist vor dem Abendessen heiß begehrt. Wie die Hühner am Stangerl hocken die Sonnenanbeter an der Mauer.

 

 

 

 

 

Das Abendessen ist für Ulli eine Wucht. Eine Suppe mag sie nicht (die Suppenkasparin), und erhält dafür einen Chilischnaps aus Eigenerzeugung. Anstelle des Nachtisches, auch diesen verschmäht sie, gibt es einen doppelten Enzian, der ihr zu erdig und zu moosig schmeckt. Als Endverwerter hält Stefan her, der zuerst mit der Nase (wie ein Hund) schnüffelt und dann das ganze im Nu wegkippt. Ein herrlicher Sonnenuntergang und das eine oder andere Spiel Uno beschließt den Abend.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Tag, 13.09.2011

Der Aufstieg von der Kaltenberg Hütte zur Krachelspitze (2686 Meter) ist steil, doch dafür geht es zum Kaltenbergsee (2506 Meter) wieder leicht bergab. Über das Gstanzjoch geht es weiter zur neu erbauten Konstanzer Hütte (1765 Meter) im Verwall.

Gehzeit ca. 6 Stunden, Aufstieg 800 Meer, Abstieg 1050 Meter.

Der heutige Tag bietet uns ein wenig mehr Ruhe, denn erst für 08.30 Uhr ist der Abmarsch vorgesehen. Sonne pur und natürlich wieder herrliche Aussicht. Es wird ein schöner Tag. Bevor wir uns verziehen, gibt es ein obligatorisches Gruppenbild.

 

 

 

 

 

Zwei Stunden sind für das erste Ziel, die 2686 Meter hohe Krachelspitze vorgesehen. Zuerst steigt der Bergweg nur leicht an, dann im Krachel, im Talschluß, geht es steil empor. Zum Ende geht es an einem Grat entlang, worüber der Wind empfindlich pfeift.

 

 

 

 

 

Erst im vergangenen Juli hatte hier auf der Krachelspitze die Reutlinger Sektion das Gipfelkreuz erneuert. Eine Hubschrauberaktion kam den Schwaben aus symbolischen Gründen nicht in Frage. So trugen rund 30 Bergsteiger die Einzelteile von der Kaltenberghütte rund 600 Höhenmeter herauf. Früher markierte lediglich ein großer Steinmann den Gipfel.

 

 

 

 

 

Traumsicht nach allen Seiten: Nach Norden die Allgäuer Alpen und hinaus ins Alpenvorland, in unmittelbarer Nähe zu unserem Standort der Kaltenbergsee (unter uns), der Kaltenberggletscher und der Kaltenberg (2896 Meter), östlich von uns das Verwalltal mit dem heutigen Wanderziel, die jetzt noch nicht sichtbare Konstanzer Hütte. Im Süden dominiert der Patteriol (3056 Meter). Während der Pause wird dem Sepp der Rucksack in einer konzertierten Aktion (einer wacht, einer macht) mit einem Stein beschwert.

 

 

 

 

 

An der Krachelscharte geht es dann 150 Höhenmeter steil zum See hinunter. Teilweise muss sogar am Feld zugegriffen werden. Häufig sehen wir Murmeltiere pfeifend, die dann in ihrem Bau verschwinden.

 

 

 

 

 

Unterhalb der Kaltenbergmöräne wird abermals verpflegt. Sepp bemerkt sein Zusatzgewicht und droht den Übeltätern unmittelbaren Zwang an. Dann folgt ein Aufstieg zum Gstanzjöchli (2573 Meter). Ein Steinhaufen markiert den Übergang.

 

 

 

 

 

Ein völlig anders Bild bietet sich hier. Vorher nur Steingelände sehen wir jenseits des Jochs grüne Almwiesen. Stefan schlägt vor, nicht den direkten steilen Abstieg zu wählen, sondern auf einem Viehsteig auszuweichen, der uns ins Pfluntal bringt. Auf einer sonnigen Wiese wird ein Nickerchen eingelegt. Karl ist auf der Lauer und erwischt den Reporter bei einer Schnarcheinheit. Richtung Talboden marschieren wir später über Latschen hinweg.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Galloway-Rinder grasen friedlich im Talboden. Wir müssen über den Pflunbach auf die andere Seite. Sepp, ganz der Gentleman, schleppt Steine und will den Damen das Überqueren erleichtern. Das bewahrt aber Ulli nicht, dass sie sich nasse Füße holt. Zum rechten Zeitpunkt drücke ich auf den Auslöser.

 

 

 

 

 

Kurz vor einer Alpe versperrt ein Bulle uns den Weg, der sich nicht vertreiben lässt. So müssen wir ausweichen. Ein mächtiger Felsblock versperrt kurz vor einer Alm uns den Weg. Nochmal eine kleine Klettereinlage und gegenseitige Hilfestellung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer Stunde erreichen wir schließlich die Neue Konstanzer Hütte (1688 Meter). Die ehemalige Konstanzer Hütte wurde durch Muren 1988 zerstört. Unser heutiges Nachtlager wurde dann in Folge an anderer Stelle errichtet. Genau hier teilt sich das Verwalltal in das Schönverwall und Fasultal. Hüttenwirt Markus weist auf das Abendmal hin, das ein Nepalesi kocht. Später gibt er den Wetterbericht bekannt und wünscht denen, die zur Heilbronner Hütte wollen, einen schönen Talhatsch. Das Nepalmahl (Suppe, Gemüse und Fleisch) ist eigenartig gewürzt. Der eine oder andere bekommt Ranzenpfeifen.

„Voneinander lernen“ heißt der Plan. Denn seit einigen Jahren kommen Nepalesen nach Tirol, um die Grundlagen der Hüttenbewirtschaftung zu erfahren. Das Projekt wurde von der Nepalhilfe Tirol lanciert. So sollen die Nepalesen diese Kenntnisse nach Rückkehr in ihre Heimat im Himalaya anwenden. Hopfentee und roter Traubensaft in geistiger Eigenschaft lassen die Laune der Gruppe steigen, bis der Zapfenstreich erreicht ist.

 

4. Tag, 14.09.2011

Der Aufstieg durch das Schönverwalltal zur Heilbronner Hütte (2320 Meter) ist problemlos. Nur die Überquerung der Rosanna kann bei der Schneeschmelze nasse Füße bereiten. Der Abstieg über die Verbella Alpe zum Kops Stausee (1809 Meter) dürfte uns keine Schwierigkeiten bereiten. Nach einer kurzen Busfahrt zur Bielerhöhe (2071 Meter) fahren wir zuerst mit dem Boot über den Silvretta Stausee und dann weiter zu Fuß auf die Wiesbadener Hütte (2443 Meter). Die spezielle Hochtourenausrüstung für die Gletschertour auf den Piz Buin haben wir für Sie auf der Wiesbadener Hütte deponiert. Dank dieses Depots müssen wir nicht die ganze Woche unsere Hochtourenausrüstung mittragen. Noch am Nachmittag passen wir unseren Klettergurt und die Steigeisen für die morgige Gletschertour an.

Gehzeit ca. 7 Stunden, Aufstieg 1000 Meter, Abstieg 500 Meter.

Dem gestrigen Wetterbericht soll es heute heißen: Es graut dem Morgen, sprich Regen am Vormittag. Aber beim Blick hinaus zur Hütte ist die Bewölkung recht hoch am Himmel und trocken. Frühstücksbufett, prima, da kann man nach eigenem Gusto und Hunger nehmen: Brot, Wurst, Käse, Marmelade, oder doch Müsli, Obst und Milch. Um 08.30 Uhr machen wir uns auf den Weg. Erstes Ziel ist die Heilbronner Hütte, die in 3,5 Stunden erreicht werden soll.

 

 

 

 

 

Durch das Schönverwall aufwärts laufen wir auf einem Fahrweg. Es geht nur mäßig steil bergauf. Ich kenne die Strecke vom Montafon Arlberg Marathon her, wo die Teilnehmer vom Silbertal über das Silbertaler Winterjöchhli nach St. Anton am Arlberg laufen dürfen. In diesem Streckenabschnitt kann man da richtig Tempo machen. Vielleicht kann ich da mal einen Sportskollegen mitschleifen, da dieser Bergmarathon zum Hineinschnuppern geeignet ist. Nach einer guten Stunde erreichen wir die Schönverwallhütte (2007 Meter). Zeit für eine kurze Pause.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Fahrweg endet hier, der Wanderweg ist entsprechend schmaler. Anhand der Spuren erkennt man, dass auch Biker hier unterwegs waren. Einige unterhalten sich übers Tanzen. Ferdl, unser Tango-Spezialist meint dann dazu, das der Tango kein Vergnügen ist, sondern in harte Arbeit ausartet. Besonders wenn sich die Tanzpartnerin nicht fügen will. Doch dann sorgt für eine Komikeinlage, als er eine Sonnenbrille findet. Seine liegt nämlich daheim. Mit diesem Ding schaut er aus wie Atze Schröder. Kurz danach fängt es zu regnen an. Stefan zieht seinen Knirps heraus. Gehört so was überhaupt zur Ausrüstung eines Bergführers? Ich habe leichte Zweifel.

 

 

 

 

 

Das bisher breite Tal teilt sich. Links geht es in da Ochsental, wo der Bach Rosanna herkommt. Und nach rechts, wo wir hin müssen fließt der Albonabach herunter. Unser Weg wird steiler. Durch den Regen und die sinkende Wolkengrenze wird es ruhiger in der Gruppe. Teilweise beträgt die Sichtweite weniger als 50 Meter. Wer hier vom Weg abkommen sollte, der hat bei diesen Nebel ein Problem.

 

 

 

 

 

Dann wird das Gelände wieder weniger steil und die Sicht mitunter besser. Wie weit ist denn noch die Heilbronner Hütte entfernt? Dann nach nach gut 2,5 Stunden taucht die Hütte im Nebel plötzlich auf. Wir waren jetzt richtig schnell unterwegs. 1926 wurde die Hütte (2320 Meter) erbaut und in den Jahren immer wieder modernisiert. Zuletzt wurde eine Biokläranlage in Betrieb genommen. 114 Schlafplätze stehen jetzt zur Verfügung

 

 

 

 

 

Nach einem heißen oder kalten Getränk machen wir uns zeitig auf den weiteren Marsch, denn kurz nach ein Uhr geht der Bus vom Zeinisjoch weg. Der Restweg ist noch weit. Unterhalb der Hütte sehen wir ein Marterl. Der Regen hat jetzt fast nachgelassen. Jeden Tag eine gute Tat. Gilt für die Tante Maria, als sie Bernhard bei seinem häufigen Nasenbluten einen Tampon in das betroffene Loch schiebt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Weg führt jetzt gefällig entlang des Verbellabaches. Über einen steilen Abschwung erreichen wir die Verbellaalpe (1938 Meter), eine Einkehrmöglichkeit, falls Alpe bewirtschaftet ist. Herry bekommt wieder einen Auftrag und eilt davon. Der Nebel verschluckt ihn und die Landschaft. Am Gasthof Zeinisjoch ist Herry spurlos verschwunden. Wahrscheinlich hat er eine Abzweigung verpasst und marschiert direkt zum Kops-Stausee. Stefan wird nervös, zudem Herry telefonisch nicht erreichbar ist. Er schickt uns mit dem Bus zur Bielerhöhe (2037 Meter) weiter. Wir kehren dort ins Piz Buin ein. Das ist eine Wirtschaft, der gleichnamige Berg ist morgen unser Ziel. Die Bedienung weist uns einen Platz am Stammtisch zu. An der Wand lese ich: „Do hockn de, de oiweu do hockn.“

 

 

 

 

 

Nach einer halben Stunde meldet sich Stefan, der das verlorengegangene Schaf wieder gefunden hat. Nach weiteren 30 Minuten sind wir wieder komplett. Wir machen uns auf das letzte Wegstück zur Wiesbadener Hütte. Das Wetter bessert sich nun zusehends.

 

 

 

 

 

Die Fahrt mit dem Boot über den Silvrettasee entfällt, angeblich wegen eines technischen Defektes. Das bedeutet für uns, zusätzlich 30 Minuten an der frischen Luft. Der See (2030 Meter) ist ca. 1,3 Quadratkilometer groß. Die grenze Tirol zu Vorarlberg liegt genau auf der östlichen Staumauer. 1938 wurde mit dem Bau begonnen. Entlang des Sees bieten sich uns schöne Ausblicke.

 

 

 

 

 

Rund 400 Höhenmeter warten auf diesen letzten Abschnitt zur Wiesbadener Hütte. 2,5 Stunden sind dafür vorgesehen. Ich kenne den Weg aus früheren Urlaubsaufenthalten. Anfangs geht es noch leicht steigend dahin, dafür ist das letzte Stück sprichwörtlich atemberaubend, so steil geht es auf dem Fahrweg nach oben.

 

 

 

 

 

 

 

 

Je weiter wir ins Ochsental hinein marschieren, desto gigantischer werden die Ausblicke: Richtung Süden der Ochsentaler Gletscher, an dessen Gletschertor die Ill entspringt; Nach Westen der Schattenspitz- und Schneeglockengletscher mit den beiden 3000ern Schattenspitze und Schneeglocke. Stefan lässt die Gruppe los. Jeder kann laufen, wie er will. Ist es der Bierdurst, den Herry vorantreibt? Ich als Ausdauerspezialist soll künftig einmal den Herry in die Schranken weisen, so Stefans Absicht.

 

 

 

 

 

Dann nach einigen giftig steilen Kehren taucht die Wiesbadener Hütte (2443 Meter) plötzlich auf. Der Piz Buin ist jetzt zu sehen. Kaum zu glauben, dass wir da morgen stehen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach der Zimmerverteilung werden die Steigeisen und die Klettergurte angepasst und geübt. Einen sticht der Hafer, der die Prozedur des Steigeisensanlegen ohne Schuhe ausprobiert und so das Gelächter der Gruppe auf sich zieht.

 

 

 

 

 

Vor dem Abendessen erkunde ich die nähere Umgebung. Die nebenanliegende Marienkapelle ist nicht versperrt, so steht einer Besichtigung nichts im Wege. Pfarrer Bertram Rohr hat dieses kleine Gotteshaus im Jahr 1990 erbaut.

 

 

 

 

 

Während des Abendessens trifft Hans-Jörg, Stefans Verstärkung für morgen, aus Bad Tölz ein. Eine Sportskanone, denn er kam mit dem Bike hoch zur Hütte und musste nur die steilsten Rampen schieben. Zusätzlich hatte er Helme für die komplette Gruppe im Gepäck. Der Abend endet zum richtigen Zapfenstreich, denn der morgige Tag beginnt früh und dauert lang.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5. Tag, 15.09.2011

Nach sehr zeitigem Frühstück erfolgt der Aufstieg mit einem leichten Rucksack über die Grüne Kuppe und den Ochsental Gletscher zum Piz Buin (3312 Meter) an der österreichischschweizerischen Grenze. Hier benötigen wir unsere Steigeisen, den Klettergurt und das Seil (keine Gletschererfahrung notwendig). Eine gute Kondition ist allerdings erforderlich, denn wir sind fast den ganzen Tag auf dem Gletscher unterwegs, was bei weichem Schnee sehr mühsam sein kann. Der Abstieg folgt der Aufstiegsroute. Nochmalige Übernachtung auf der Wiesbadener Hütte (2443 Meter).

Gehzeit ca. 6 Stunden, Aufstieg 900 Meter, Abstieg 900 Meter.

Na ja, sooo zeitig ist das Frühstück nicht. 06.30 Uhr ist eine zivile Zeit und eine Stunde später wollen Stefan und Hans-Jörg zur Königsetappe auf den Piz Buin aufbrechen. Ein wenig nervös werde nicht nur ich sein, da doch die letzte Gletscherbegehung ein Weilchen zurückliegt. Während ich mir mit den wenigen Frühaufstehern schon vor halb sieben den Ranzen vollhaue, sieht man während der Frühstückszeit draußen einen wahnsinnig schönen Tagesbeginn. Kein Morgengrauen und auch kein Morgengrausen. Es ist kein Wölkchen am Himmel, so wie es der Wetterfrosch vorhergesagt hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Wahnsinn, schaut mal nach außen,“ ist mehrfach zu hören, als die ersten Sonnenstrahlen Silvrettahorn (3244 Meter) und Signalhorn (3210 Meter) rot erscheinen lassen. Bereits 15 Minuten vor dem Abmarsch stehen wir auf der Terrasse, schnüren die Wanderstiefel und legen den Sitzgurt an.

 

 

 

 

 

Stefan teilt zwei Seilschaften ein. Eine konditionsstärkere, die mit ihm geht. Der Rest der Gruppe führt Hans-Jörg. Das hat den Vorteil, dass eine kleinere Seilschaft wesentlich beweglicher ist. Außerdem kann man bei schwierigen Situationen schneller reagieren. Gerhard, Maria, Herry, Sepp, Christiane und ich sind für das Schnellzugtempo vorgesehen.

Bei der „Befehlsausgabe“ wird der Weg zum Piz Buin beschrieben. Über einen markierten Moränensteig geht es zur Grünen Kuppe (2579 Meter). Da kurz bergab, wo dann am Ochsentaler Gletscher die Steigeisen angelegt werden. Unterhalb des Silvrettahorn wird der Gletscherbruch umgangen, da natürlich steil bergauf. Oben am Gletscher geht es dann zwar weit, aber gemütlich zur Buinlücke (3056 Meter). Dort werden wir Rucksäcke, Steigeisen und Stecken zurücklassen. Der Gipfelsturm ist mit 45 bis 60 Minuten veranschlagt, wobei im ersten und letzten Drittel ein Weg vorhanden ist. In der Mitte muss man dann zum Vorankommen schon mal die Hände einsetzen.

 

 

 

 

 

Wir kommen durch das Moränengelände gut voran. Die zweite Gruppe folgt im Abstand. Aufpassen muss man beim Überqueren der Gletscherbäche, die jetzt wenig Wasser führen. Dann sind wir für einen Augenblick am richtigen Ort zur richtigen Zeit., denn genau auf der Spitze des Silvrettahorn steht der Vollmond. Wie wenn da jemand eine riesige Kugellampe angeknipst hätte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer guten halben Stunde geht es über die Grüne Kuppe, die wahrscheinlich aufgrund des wenig grünlichen Bewuchses den Namen hat. Der Ochsentaler Gletscher ist schon bedrohlich nahe gekommen.

 

 

 

 

 

Genau um 08.15 Uhr betreten wir den Ferner. Ein kurzes Wegstück können wir noch ohne Steigeisen laufen, aber dann muss die Gletscherausrüstung angelegt werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stefan bereitet das Seil vor. Im Abstand von zehn Metern macht er Schleifen, die dann im Karabiner eingeklickt werden muss. Außerdem heißt es „Gehirnschüssel“ aufsetzen.

 

 

 

 

 

Dann laufen wir los. Nach einem Weilchen hat jeder dann herausgefunden, wie straff das Seil gespannt werden muss. Einerseits soll keiner mit seinen Eisen draufsteigen, noch soll der Vordermann bei einem großen Schritt über einem Loch „verhungern“.

 

 

 

 

 

Links von uns ist jetzt der Gletscherbruch. Von der Wiesbadener Hütte schien die Stelle fast unüberwindbar zu sein, doch hier vor Ort ist der Gletscher zwar stark abschüssig, doch begehbar. Aber die Steinschlaggefahr am Gletscherrand ist nicht unerheblich. Immer wieder sind Spalten zu umgehen. Linkerhand schaut der Gletscher aufgrund der Seracs furchterregend aus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach einer Stunde liegt der gröbste Anstieg auf dem Ochsentaler Gletscher hinter uns. Stefan hängt uns ab, weist jedoch darauf hin, nicht großartig rumzuturnen und auf keine Schneebrücke zu laufen. Einer auf unserer Seilschaft ist auf seinem Ohr taub, treibt sich herum und kassiert gleich einen Anschiss. Während wir die kurze Pause für einen Trank aus der Flasche nutzen, eilt Stefan an den Rand des Gefälles, um festzustellen, wie die zweite Gruppe vorankommt.

 

 

 

 

 

Nach 20 Minuten ist Stefan zurück und wir laufen auf dem Eis weiter, wesentlich flacher wie bisher. Aber immer wieder sind Spalten zu überwinden, auch wenn diese nicht mehr so häufig vorhanden sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir laufen eine halbe Stunde, dann kommt die Buinlücke, die genau zwischen Großen und Kleinem Piz Buin liegt, immer näher. Kurz vor der Lücke sehen wir die letzte Spalte, ein wahres Elefantenloch. Da würden ganze Häuser reinpassen.

 

 

 

 

 

Nach wenigen Minuten erreichen wir die Buinlücke auf 3054 Meter Höhe. Der nun aufliegende Schnee hat sich gut begehen lassen. Eine mühsame Firnwanderschinderei ist uns erspart geblieben. Wer sich den Gipfel nicht zutrauen sollte oder der keine Kraft mehr hat, für den besteht die Möglichkeit zu warten. Die kurze Pause wird eifrig für eine Nahrungsaufnahme genutzt. Ja, auf der heutigen Tour muss sprichwörtlich aus dem Rucksack gelebt werden. Wer hier nach Süden schaut, hat einen weiten und tiefen Blick ins Toui-Tal, das zum Engadin (Schweiz) gehört.

 

 

 

 

 

Das Seil wird verkürzt auf etwa fünf Meter, die Eisen und Stöcke werden deponiert und nach 15 Minuten geht es an die letzte Etappe. Es gibt überhaupt keinen Gedanken, ob jemand warten will. Jeder will am Gipfel auf 3312 Meer Höhe stehen, verständlich. Das erste Stück, fast ein Weg, kann ohne große Schwierigkeiten überwunden werden. Doch aufgrund der Steilheit des Geländes und der mitunter labil liegenden Steinbrocken sollte man sich überlegen, wohin man tritt. Kein Gestein lostreten, das ist die Devise.

 

 

 

 

 

Kurz vor dem Kletterstück, wo auch ein kleiner Kamin wartet, bietet sich ein spektakulärer Ausblick auf die Gletscher nördlich von unserem Standpunkt. Die Kletterstelle ist ein wenig heikler Punkt, doch mit Unterstützung des Vorder- und Hintermannes kommen wir über dieses Hindernis hinweg. Die groß gewachsenen Wanderer sind bei der Kraxelei eindeutig im Vorteil.

 

 

 

 

 

Die Wegverhältnisse bessern sich wieder, wo wir nach einem kurzen Steilstück den Piz Linard (3411 Meter) sehen. Der ist der höchste Berg der Silvretta und liegt vollständig auf Schweizer Gebiet. Markant ist seine Pyramidenform. „Schau mal links,“ rufe ich Christiane zu, die vor mir geht. „Ich will’s gar nicht wissen“, entgegnet sie. „Doch, guck, das Gipfelkreuz“. Da strahlt sie mit der Sonne um die Wette.

 

 

 

 

 

Nach wenigen Augenblicken stehen wir auf unserm Ziel der ganzen Wanderwoche, dem Piz Buin, der die höchste Erhebung des Landes Vorarlberg und die dritthöchste der Silvretta ist. Der Name kommt aus dem Rätoromanischen und bedeutet Ochsenspitze. Ja, a Ochs musst schon sein, diesen Anstieg auszuhalten. Der Berg wurde 1865 von Joseph Anton Specht und Johann Jakob Weilenmann mit den Führern Jakob Pfitscher und Franz Pöll erstbestiegen. Sie kamen auf dem Normalweg über Vermuntgletscher und Wiesbadner Grätle und Buinlücke. Dieser Weg wird im Sommer aufgrund der Steinschlaggefahr auf dem Grätle kaum begangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

In den Minuten des Gipfelaufenthaltes glaube ich bei dem einen oder anderen sogar feuchte Augen zu sehen. Es ist schon ein beeindruckender Moment, der natürlich mit Bildern festgehalten werden muss. Die Aussicht ist spektakulär. Dieses Wort benützt Stefan immer dann, wenn es was besonderes zu sehen ist. Im Norden der Silvretta-Stausee, zum Greifen nah, dahinter der Patteriol. Richtung Osten die Wildspitze, der zweithöchste Berg in Austria, unser Ziel in 2008. Und nach Süden erkennen wir das Bernina-Massiv und daneben die Gipfel der Monte Rosa, die wir im letzten Jahr umrandet haben. Ein Panorama wie im Bilderbuch.

 

 

 

 

 

Nach einige Minuten geht es an den Rückweg. Der Abstieg zur Buinlücke ist wesentlich gemütlicher. Auch im Kamin lässt es sich einfacher absteigen. Da kommt uns die zweite Gruppe seitlich entgegen. Unten an der Lücke wird dann pausiert. Jetzt wär ein Gipfelbier recht. Die zweite Gruppe um Hans-Jörg ist jetzt rund 300 Höhenmeter überhalb von uns – auf dem Gipfel!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Während wir von Stefan noch ein Bild auf dem Laufsteg (mit Seil) wollen, macht Sepp einen auf „Piz Buin“, denn er liegt in der Sonne.

 

 

 

 

 

Wir haben jetzt viel Zeit, die wir für eine Seilausbildung nutzen. Stefan zeigt das Anbringen von Eisschrauben, das Handling mit einem Seil für das Abseilen in eine Gletscherspalte. Dass dann das Elefantenloch dafür herhalten muss, macht die Sache hochinteressant.

 

 

 

 

 

Sepp, unser Abenteuervogel, seilt sich dann als Erster ab und wird dann wieder hochgezogen. Jeder darf da ran. Zum Ende wird dann noch ein wenig die Spalte erkundet. Das seitliche Ende des Loches ist nicht zu sehen.

 

 

 

 

 

Der Abstieg geht fast fehlerfrei. Lediglich Gerhard kommt ins Stolpern und schrammt sich am Ellbogen auf. Und Herry wird dann seinen Vorsprung an einem Gletscherbach wieder verlieren. Der führt jetzt deutlich mehr Wasser. Herry findet denn auf Anhieb keine Querungsmöglichkeit.

 

 

 

 

 

Zurück an der Wiesbadener Hütte erwartet uns Andrea, die Bedienung. Der Bierdurst wird gestillt und mein Gipfelschnaps wird jetzt auch fällig. Danach bin ich angeheitert. Nach kurzer Zeit erscheint die zweite Gruppe. Auch von denen stand jeder auf dem Piz Buin, auch wenn es hierfür Wackelkandidaten gab. Am Abend ist die Hütte fast voll, denn ein Filmteam des ORF ist heraufgekommen. Mit dabei ist der berühmte Bergsteiger Peter Habeler, der früher mit Reinhold Messner einige Achttausender bestiegen hat. Am Abend sinken wir nach einigen geistigen Getränken zufrieden in die Koje.

 

 

 

 

 

6. Tag, 16.09.2011

Nach dem Frühstück besteigen wir den Hausberg der Hütte, das Hohe Rad (2934 Meter). Abstieg zum Silvretta-Stausee (2071 Meter) Busfahrt nach Partenen im Montafon und weiter nach Oberstdorf. Ankunft ca. 16 Uhr. Heimreise oder individueller Verlängerungsaufenthalt.

Gehzeit ca. 5 Stunden, Aufstieg 500 Meter, Abstieg 900 Meter.

Beim Frühstück findet am Nachbartisch eine Kaffee-Einlage statt. Irgendeinem oder –einer wird die Alukaffeekanne zu heiß und kann sie nicht mehr festhalten. Die Quittung in Form von heißem Negerschweiß bekommt der Ferdl von seiner Liebsten zum Teil (auf seine Hose) ab und kann gar nichts dafür. Aber es ist interessant, wie fleißig da das Malheur beseitigt wird.

 

 

 

 

 

Die heutige Tour zum Hausberg der Hütte, dem Hohen Rad (2934 Meter) wird leicht abgeändert. Der Weg zum Gipfel soll in schlechter Verfassung und teilweise brüchig sein. So lassen wir den Berg links liegen, wechseln über den Radsattel ins Bieltal, welches zum Silvretta-Stausee führt. Gegen 08.30 Uhr brechen wir zu unserer letzten Tagestour auf. Nach wenigen Minuten im kühlen Schatten verläuft unser Weg dann in der wärmenden Sonne.

 

 

 

 

 

Nach einer Stunde Wandern liegen die 200 Höhenmeter zum 2652 Meter hohen Radsattel hinter uns. Zeit für eine Pause. Philipp nutzt die Zeit, um auf den nebenliegenden Gipfel mit Kreuz zu laufen. Recherchen ergeben, dass dies der Piz 8R (2701 Meter) ist. Jenseits des Sattels geht es kurzzeitig steil hinab. Den Radsee (2477 Meter) lassen wir links liegen. Am Talschluss des Bieltals sehen wir die Fragmente des Bieltalferners im gleißenden Sonnenlicht. Je weiter wir talwärts kommen, desto mehr Tageswanderer kommen entgegen. Die Rundtour durchs Bieltal, über den Radsattel zur Wiesbadener Hütte und zurück zum Stausee ist bei Tagestouristen sehr beliebt und in sechs, sieben Stunden leicht zu schaffen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurz vor dem Stausee ist es Zeit für ein Gruppenbild. Nachdem Sepp gern kamerascheu ist, lässt er sich zumindest als Fotograf anheuern.

Ein Spaziergang um den Stausee sowie eine Einkehr im Madlenerhaus (1986 Meter) beschließen die heutige Tour. An der Staumauer werden Renovierungsarbeiten durchgeführt. Etwas komisch ist die Gesangsdarbietung eines Chores mit den Hintergeräuschen von Presslufthämmern anzuhören. Am Parkplatz sind Nobelkarossen vom Typ Lamborghini zu sehen, die bei dem Männern Interesse wecken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei der Rückfahrt nach Oberstdorf werden Pläne geschmiedet, wo es denn nächstes Jahr hingehen soll. Stefan bringt einen Vorschlag: Vielleicht eine Woche rund um den Großvenediger und die Besteigung desselben? Oder vielleicht was anderes? Die Rückfahrt mit der Bahn ab Oberstdorf geht im Gegensatz anfangs der Tour ohne Hindernisse. So danken wir unseren Bergführer Stefan für die sichere Begleitung auf der Tour, die für uns ohne Blessuren abgegangen ist, den Bodenkontakt von Gerhard und die nassen Haxn von Ulli mal abgesehen. Während Stefan zumindest einen Tag bis zur nächsten Führung frei hat, beginnt für uns wieder der Alltag. Aber da freut man sich wieder auf das nächste Erlebnis mit der Oase. Vielleicht sehen wir uns in dieser Besetzung wieder?

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