Hochtour in den Stubaier Alpen 30.08.2014 bis 05.09.2014

2013 wollte unser Bergführer Stefan Gstrein mit uns eine Tour in seiner Heimat im Ötztal durchführen. Schlechtes Wetter verhinderte das Ganze und wir mussten nach Südtirol kurzfristig ausweichen. Doch der Plan wird für 2014 wieder aus der Schublade geholt, ein wenig modifiziert und als machbar beschrieben, auch wenn dieses Jahr uns Petrus zu Beginn der Hochtour wieder nicht hold sein will.

Als Höhepunkt der Tour plant Stefan die Besteigung des höchsten Gipfels der Stubaier Alpen, des Zuckerhütl mit 3505 Metern Höhe, weiterhin sollen der Wilde Freiger (3458 Meter) sowie der Becher mit dem Becherhaus (3195 Meter) unsere Ziele sein

 

Samstag, 30.08.2014

Anreise nach Sölden (1398 Meter); Sölden – Fiegls Gasthaus (1956 Meter) – Windachtal – Hildesheimer Hütte (2899 Meter); drei Stunden

Acht Wanderer treffen sich in Burgheim bei Maria und Gerhard Rami, den Organisatoren und Planern unserer Touren seit sieben Jahren, um 07.00 Uhr in der Früh. Praktisch ist es, dass wir als Gefährt den Bus des DAV Neuburg nutzen können. So machen sich Siggi Stachel, Stefan Wenger, Herry Bösel, Uschi Rupp, Josef Lang und Anton Lautner auf den 300 Kilometer langen Weg. Petra Väth wird in Deuringen aufgelesen, Ferdl Birkmeier und Ulli Lechner-Fertl werden sich einen Tag vorher in Vent bei der Post einquartieren und unsere Schwaben Karl Geiger und Radko Nicic´ kommen selbst angefahren. Bis 12.00 Uhr sollen wir an der Touristinfo am Ortseingang sein, zeitlich locker zu schaffen, da nur 3,5 Stunden Fahrzeit in den Routenplanern veranschlagt sind.

Bis nach Füssen läuft es rund, doch ein Verhauer bringt uns erste Verzögerung. Wir erwischen nicht den Grenztunnel, sondern machen gleich eine kleine Stadtbesichtigung der Stadt. Doch noch vor Reutte wird aus dem flüssig ein zäh. Die Autoschlange schleicht dahin, dann geht es wieder zügig für ein, zwei Minuten, dann wieder stehen. Immer wieder Regen und Wasser auf der Straße machen die Kurbelei am Steuer für Gerhard nicht leicht. Um 11.00 Uhr, zwar schon jenseits des Fernpass in Richtung Imst, stehen wir längere Zeit. Ein Unfall und eine Sperrung der Fernpassbundesstraße meldet das Radio. Wir werden die Vorgabezeit nicht mehr schaffen. Umdrehen und einen Riesenumweg machen mit einer weiteren Verspätung von ein bis zwei Stunden erscheint auch nicht sinnvoll.

Doch die Sperre löst sich dann schnell auf, als kurz zuvor ein Abschlepper mit einem demolierten Motorrad auf der Pritsche Richtung Reutte fährt. Zwar geht es durch Imst und das Ötztal hoch nicht ganz flüssig weiter, aber immerhin ist unser Bus in Bewegung.

Im Ötztal sind trotz der feuchten Wetters viele Radfahrer unterwegs, das letzte Training für den am nächsten Tag stattfindenden Ötztaler Radmarathon. Ein verrücktes Rennen über 238 Kilometer, garniert mit 5508 Höhenmeter übers Kühtai, Brennerpass, Jaufenpass und Timmelsjoch. Wer da teilnehmen will, braucht Glück für die Verlosung der Startplätze und Ausdauer bei seiner Vorbereitung. Stefan berichtet von einer fünfstelligen Interessentenschar, als wir uns zehn nach Zwölf in der Tourist-Info treffen. Auch er hat ein paar Minuten Verspätung.

Nach einer kurzen Besprechung fahren wir zehn Minuten in Richtung Windachtal zu einem kleinen Parkplatz, wo die Fahrzeuge abgestellt werden. Der bestellte Kleinbus, der uns noch weiter hinauffährt, ist auch nicht da, der Fahrer hat wohl seinen Auftrag vergessen. Gegen 13.00 Uhr werden wir dann weitertransportiert. Beim Fiegl Gasthaus endet die bequeme Reise, die Rucksäcke werden geschultert und der Mensch gewöhnt sich an die Last des Tragens und Laufens.

Uns bleibt zumindest die Regenjacke erspart, denn Petrus lässt seine Schleusen zu. So machen wir uns auf den knapp einstündigen Weg entlang der Windacher Ache zur Materialseilbahn. Wir können zwar nicht die umliegenden Gipfel sehen, doch immerhin müssen wir nicht im Nebel herumtrampeln.

Am Materiallift werden die Rucksäcke verladen, so beginnt der erste Wandertag nicht ganz so streng. Die Regenjacke sollen wir jedoch mitnehmen, und, wer es nötig hat, auch die Getränkeflasche. 800 Höhenmeter müssen auf den an dem Lift beginnenden Ludwig-Aschenbrenner-Weg geschafft werden. Zwei Stunden steiler Aufstieg, der uns anfangs in Serpentinen hochführt. Wer noch Weg sparen will, für den wartet eine steilere Variante in Nähe des Gaiskars.

Je höher wir kommen, desto großartiger wird der Blick in das Wildachtal. Dann fängt es wieder zu regnen an, die Jacken werden angezogen. Langsam steigen wir in den Nebel hinein und die Sicht wird schlecht.

Doch dann können wir die Hildesheimer Hütte im Nebel verschwommen erkennen. Und das sorgt für einen Spurt bei den durstigen Wandervögeln. Nach einigen Minuten haben auch die letzten Wanderer die Unterkunft erreicht. Die feuchten Klamotten und Schuhe werden ausgezogen, die Stube ist gut beheizt.

1896 wurde die Hütte in unmittelbarer Nähe der 3000er Schußgrubenkogl, Schaufelspitze und Pfaffenschneide erbaut. Nach einigen Umbauten und Modernisierungen bietet sie heute für 80 Personen Unterschlupf. Zusätzliche 25 Notlager können bei Bedarf geschaffen werden. In der kalten Jahreszeit steht ein Winterraum mit 12 Lagern bereit.

Vor dem Abendessen mit drei Gängen (!) werden die Zimmer verteilt, der Schnarcher unter uns bekommt eine eigene Kammer, wo er seiner Sägerei nachgehen kann. Auch werden wir in das Anlegen des Klettergutes eingewiesen.

In der Stube entdecken wir später einen Spruch, der uns zu einem Lachen hinreißt:

„Als Kreuzung zwischen Mensch und Affen

hat Gott den „Alpinist“ erschaffen.

Am Hüttentisch beim Schnitzelessen

erweist er sich als menschlich Wesen,

doch kriegt er Felsen in die Hand,

dann nimmt der Affe überhand.“

Einige Bierchen und einige Runden mit der Schnupftabakdose beschließen den Abend, in dessen Verlauf mit Florian, der zweite Bergführer, zu uns stößt. Gegen 22.00 Uhr ist Zapfenstreich, denn für morgen sollen wir auf das Zuckerhütl steigen. Eine Schlechtwetterfront hat Stefans Plan ein weiteres Mal durchgewirbelt.

 

Sonntag, 31.08.2014

Hildesheimer Hütte – Pfaffenjoch (3208 Meter) – Sulzenauferner – Zuckerhütl (3507 Meter) – Pfaffenkogl (3366 Meter) – Hildesheimer Hütte; sieben Stunden

Die Königstour steht auf dem Programm und das schon am zweiten Tag der Wanderwoche. Wir sind mehr schlecht als recht eingelaufen, schon in Gipfellage mit dünner Luft und doch gilt es: Heute oder nie, denn Schlechtwetter mit einer Kaltfront ist für den Nachmittag vorhergesagt. Wir wagen es und werden es auch schaffen, denn Uschi ist oft ein Garant für gutes Wetter, aber sie muss dabei sein.

Daher ist frühes Aufstehen Pflicht, auch wenn Sepp wieder als Letzter aus seiner Koje krabbelt. Als rüstiger Rentner darf er das. Um halb sechs Uhr ein schnelles Frühstück, unsere Schwaben Radko und Karl sind die ersten am Tisch und dann wird sich mit leichtem Gepäck fertiggemacht. Der Abmarsch ist für 06.30 Uhr geplant.

Überpünktlich starten wir, den Klettergurt schon angelegt, hinunter zum Hüttensee, der als Wasserspeicher für die Hildesheimer Hütte genutzt wird. Kurs Nordost. Der Blick hinunter ins Gaiskar und hinüber zum Pfaffenferner ist großartig, auch wenn jetzt noch nichts von der Sonne zu sehen ist.

In zwei Gruppen, eine mit Stefan und eine mit Florian, führt ein schmaler Weg steil hinunter. Beim Drahtseil an der Seite wird zugegriffen und konzentriert hinuntergestiegen. Einige von uns haben die verantwortungsvolle Aufgabe, den Karabiner in das Drahtseil einzuklicken.

Unten führt der gut markierte Weg auf und ab über große und kleinere Blöcke zum Pfaffenferner. Auf uns wartet sogar eine kleine Schneebrücke. Immer näher kommt der Pfaffenferner. An dessen unteren aperen Ende können wir Gletscherspalten erkennen. Die Schneeauflage zieht sich ebenfalls weit hinunter. Dieser Sommer mit seinen vielen Niederschlägen und den kühleren Temperaturen im August kam dem Gletscher zugute, denn die Abschmelze hielt sich in Grenzen, so Stefan. Aber weiter oben sind dann die Spalten nur für das geübte Auge des Bergführers erkennbar.

Auf dem Pfaffenferner werden wir angeseilt. Einer ziert sich bis zuletzt, ein Abenteurer, der Sepp. Unterhalb des Aperen Pfaff, dessen Gipfel mit 3353 Meter jetzt etwa 200, 300 Höhenmeter über uns, steigen wir stetig hoch bis zum Pfaffenjoch (3208 Meter). Unter uns hört man einzelne Bäche rauschen, sehen können wir den Wasserlauf nicht. Zum Schluss wird es kurzzeitig steiler bis zu einem Felswall, den wir übersteigen. Links befindet sich das Massiv des Aperen Pfaff, rechts sehen wir die Pfaffenschneide und dahinter das Zuckerhütl.

Nach einer kurzen Pause laufen wir im Gänsemarsch an der Leine auf dem Sulzenauferner weiter. Leicht links haltend und nicht mehr so steil könnte man die Morgensonne genießen, doch diese ziert sich, verbirgt sie sich hinter einem Wolkenschleier und ist nur als milchige Scheibe zu sehen.

Nach einiger Zeit stehen wir auf dem Pfaffensattel (3344 Meter), der Verbindung zwischen Zuckerhütl und Wildem Pfaff. Wenn das Wetter stabil wäre, könnte der Wilde Pfaff leicht „mitgenommen“ werden. Wir wenden uns jedoch dem Zuckerhütl zu und lassen am Ende des Oberen Sulzenauferners unsere Rucksäcke und Stöcke liegen, denn jetzt braucht man beide Hände für das Vorwärtskommen.

Den Namen dürfte das Zuckerhütl von seiner Form her haben, wenn man von Osten sich nähert. Es erscheint als kühnes Horn vergleichbar mit einem Zuckerhut, auch wenn der Gletscherschwund die Spitze deutlich freigelegt hat. Früher hat sich Schnee und Eis bis nach ganz oben gezogen.

Einige Höhenmeter warten auf uns bis zum Gipfel, so rund 100 Einheiten werden es wohl im Feld sein. Ein gut markierter Weg, wenn man davon überhaupt sprechen kann, zieht sich im Schwierigkeitsgrat I hoch. Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Konzentration sind neben erhöhter Aufmerksamkeit auf das Handeln des Vordermannes und des eigenen vonnöten. Man will ja keinen Fehltritt riskieren und abrutschen oder loses Gestein wegtreten. Auf dem Weg nach oben sind zusätzliche Haken und Griffe angebracht, die einem das Vorwärtskommen erleichtern.

Eine knappe halbe Stunde Kraxelei, dann sehen wir bereits das Gipfelkreuz, das in der jetzigen futuristischen Form ein Helikopter im Jahr 2002 hochgeflogen hat. Ein Jahr zuvor hat ein Orkan mit Windspitzen bis 250 km/h das alte Kreuz zu Fall gebracht.

Viel Platz haben wir oben nicht, eine kurze Rast im Stehen, das eine oder andere Bild wird geschossen und die doch etwas eingeschränkte Sicht genossen. Wir sehen die letzten Bergsteiger auf dem danebenliegenden Wilden Pfaff und in der Ferne den Becher mit dem Becherhaus im Dunst. Die Hütte steht in den nächsten Tagen noch auf unserer Agenda.

1863 hat Joseph Anton Specht das Zuckerhütl zusammen mit einem Begleiter bestiegen. Specht hatte in seiner alpinistischen Laufbahn noch Similaun, Weißlkugel, Piz Buin und Vesulspitze als Erster bezwungen und war auch Mitbegründer des Deutschen Alpenvereins.

Der Rückweg geht auf identisch gleichem Kurs hinunter. Nur Stefan Wenger, der jetzt voran geht, kann sich ein „machst du jetzt eine neue Variante auf“ vom Bergführer anhören, als er vom rechten Weg ein paar Meter abkommt. Hinunter geht es fast leichter als hinauf. Oder muss man da nicht so schwer schnaufen? Unten liegen die Rucksäcke in der (Un-)Ordnung herum, als wäre nichts passiert.

Das Wetter hält und so wird der Entschluss getroffen, den Pfaffenkogel (3366 Meter) quasi im Vorbeigang mitzunehmen, denn der Zeitbedarf hierfür ist gering. So stehen wir dann etwa eine Stunde später auf dem Pfaffenkogel ohne größere Anstrengungen. Lediglich der höhere Schnee hat den Seilschaftführenden etwas Mühe bereitet. Marschierst du am Ende oder in der Mitte, ist der Weg ja schon freigeräumt und plattgetrampelt. Der Fotograf dankt.

Eine halbe Stunde später legen wir bereits Seil und Beckengurt ab, denn wir haben den Pfaffenferner verlassen. Spannend wird dann noch der Weg entlang des gesicherten Felsbandes in unmittelbarer Nähe zur Hütte. Auch diese Hürde wird ohne Vorkommnisse genommen, so dass wir bereits vor 14.00 Uhr die Hildesheimer Hütte erreichen. Gerade rechtzeitig für Kaffee, Kuchen, einen gepflegten Schafkopf oder für einen Nachmittagsschlaf für den, der in der Frühe als Letzter am Frühstückstisch erschien. Wer kann das gewesen sein?

Am späten Nachmittag setzt dann Regen ein, die Temperatur fällt und schon gegen Dämmerung werden die umliegenden Bergspitzen weiß. Die Königstour und das Highlight unserer Woche haben wir hinter uns. Gut so, denn nach dem Abendessen wird auch die Hüttenumgebung angezuckert. Wer weiß, ob das Zuckerhütl in den folgenden Tagen besteigbar wäre.

 

Montag, 01.09.2014

Hildesheimer Hütte – Jochdohle (3149 Meter) – Station Eisgrat (2850 Meter) – Dresdner Hütte (2308 Meter) – Peiljoch (2672 Meter) – Sulzenauhütte (2191 Meter); sieben Stunden

Heute pressiert’s den Stefan überhaupt nicht, denn im Tagesverlauf soll das Wetter sich zögernd bessern. Doch als wir vor dem Frühstück zur Tür hinaus schauen, hält das nur einer im kurzen Hemd aus, der Hüttenwirt Gustl Fiegl. Das Thermometer zeigt minus fünf Grad und damit mehr als zehn Grad weniger als am Tag zuvor. Eine markante Kaltfront ist in der Nacht durchgezogen.

Beim Frühstück lassen wir uns Zeit, wenigstens ist der Aufenthaltsraum gut beheizt. Ein weiterer Gast der Hütte treibt es mit seinem Frühstück auf die Spitze. Wahrscheinlich ist der Einzelkämpfer oder ein geiziger Schotte. Der bereitet sein Frühstück mittels Esbit-Kocher und einem Gericht aus der EPA draußen vor der Tür zu. Gibt es da Linseneintopf mit Mettwurst oder Griesbrei mit Obst?

Beruhigt hat sich die Wetterlage nicht, denn Stumböen pfeifen um die Hütte, Schals und Handschuhe werden aus den Tiefen der Rucksäcke hervorgeholt. Gegen 09.00 Uhr machen wir uns auf den Weg, eine Stunde später als am Vortag geplant. Es hilft ja doch nichts, wir müssen weiter.

Gleich nach der Hütte wartet ein Grat (Weg 102), der zwar mit einem Drahtseil gesichert ist, doch die Böen kommen von allen Seiten. Wir entwickeln ein Gespür dafür, dass wir windanfällige Stellen geduckt und mit dem Rücken zum Wind hin hinter uns bringen. Stefan marschiert vorne und macht abermals uns den Weg frei.

Nach einer knappen Stunde betreten wir den Gaiskarferner. Ein Seil braucht es nicht, denn im Winter geht hier eine Skipiste herunter. Nach 1,5 Stunden erreichen wir die Station Jochdohle auf 3150 Meter Höhe, eines der höchstgelegenen Restaurants in Österreich.

Wenn wir Sicht hätten, dann könnte man einen atemberaubenden Blick auf 109 Dreitausender werfen. Und zur Einkehr wird ein Riesen-Wienerschnitzel versprochen. Unsere Rast dient nur dem Griff in den Rucksack zur Wasserflasche, zum trockenen Riegel oder zur Wasserentsorgungsprozedur.

Auf der Skipiste steigen wir zur Station Eisgrat (2850 Meter) hinunter. Bis zum Jahr 2002 konnte man hier noch auf dem Gletscher ganzjährig dem Skivergnügen nachgehen. Doch seit dieser Zeit wird der Skilauf nur mehr im Zeitraum Oktober bis Juni angeboten. Dagegen wird der Sommer als hochalpines Gebiet der Wanderer genutzt. Aber heute sieht man kaum einen vor der Tür.

Stefan schlägt am Eisgrat Varianten und Haken, denn er findet nicht auf Anhieb den Weg 102, der uns hinunterführt. Dann findet er den Einstieg und es geht trotz weiterhin schlechter Sicht zügig hinunter zu den Speicherseen und zum Gamsgarten, wo in der Wintersaison Kinder beschäftigt werden.

Den Gletscher haben wir längst verlassen, auch ist die Temperatur gestiegen. Der Pulverschnee wird zunehmend matschiger und fließt dann als Schmelzwasser auf den Wegen. Den Schafen vor der Dresdnerhütte (2308 Meter) macht die Witterung nichts aus. Zum Fressen finden die Tiere schon noch etwas. Und wir haben jetzt auch Hunger! Zeit für einen Einkehrschwung, nun ja, der Schnee reicht hier nicht mehr ganz.

1875 wurde die Hütte als erste zu Schutzzwecken im Stubaital erbaut und eingeweiht. Schon recht früh wurde sie zu klein, Erweiterungen und Neubauten erfolgen mehrmals, erst vor rund zehn Jahren wurde das große Lager in modernere Zimmerlager umgebaut. Bis zu 140 Urlauber können in den Zwei- und Mehrbettzimmern untergebracht werden. Ja, und die Familie Hofer bewirtschaftet das Haus bereits in der vierten Generation. Über die Mutterbergalm kann die Hütte mittels der Gletscherbahn schnell erreicht werden.

Nach dem Genuss von heißer Suppe und Weizenbier oder Kaffee und Kuchen machen wir uns eine Stunde später wieder auf den Weg. Gut 300 Höhenmeter Anstieg warten bis zum Peiljoch, danach geht es zum heutigen Ziel gefällig, so unser Bergführer.

Gleich neben der Hütte laufen wir über einen Steg, tief hinunter hat sich der Fernaubach sein Bett gegraben. Zuerst noch moderat und fast schneefrei zeigt sich der Weg 102, der dann später deutlich steiler wird. Wir laufen über Blockwerk, Schritt für Schritt gewinnen wir Höhenmeter um Höhenmeter nördlich der Wedlas Schoaßen. Nach dem Abzweig zum Großen Trögler wird es stellenweise exponiert. An den Drahtseilen wird gut zugegriffen.

Dann stehen wir auf dem 2676 Meter hohen Peiljoch (auch Beiljoch). Die Temperatur ist wieder unter dem Nullpunkt gefallen alles ist angereift. Viele Steinmanderl haben die Wanderer errichtet. Siggi findet sogar einen Eiszapfen. Ein bis zwei Minuten halten wir uns dort auf, dann treibt uns die Kälte und die Aussicht auf eine warme Stube weiter. Die Aussicht auf die umliegenden Spitzen ist dagegen mehr als mau.

Der Abstieg vom Peiljoch hinunter ist schwieriger, je weiter man hinten in der Gruppe marschiert. Denn der Schnee ist plattgetrampelt und entsprechend glatt. Dann teilt sich der Weg, jedoch das Ziel, die Sulzenauhütte bleibt gleich. Stefan nimmt den „Wilde-Wasser-Weg“, der uns zum Gletschertor des Sulzenauferners hinunterführt. Bei klarer Sicht hätte man einen atemberaubenden Blick auf das Zuckerhütl, von dort sich der Gletscher herunterwälzt. Durch die aufliegenden Wolken kommt das Panorama nicht so zur Geltung.

Der Sulzenauferner ist mit vier Quadratkilometer Fläche einer der Größten im Stubai. Doch auch hier hat er im Vergleich zum Höchststand der Gletscher um 1850 dramatisch an Ausdehnung und Mächtigkeit verloren. Im Zungenbereich vereinigt sich der Sulzenauferner mit der Fernerstube, so heißt der Gletscher, der von der Westseite des Wilden Freigers herunterkommt.

Das Wegstück zur Sulzenauhütte beinhaltet alle Bergfacetten, die man sich vorstellen kann, der Gletschersee, Moränen entlang des früheren Gletschers, kleine Hochebenen, die dann wieder abbrechen und schließlich bleibt der Schnee zurück. Grüne Almwiesen und der Sulzenaubach begleiten uns bis zur Sulzenauhütte, die wir gegen 16.30 Uhr erreichen.

Rund 450 Höhenmeter sind wir vom Peiljoch abgestiegen, die heutige Tour reicht und der Kaffee und Kuchen ist redlich verdient. In den 30er Jahren wurde die Sulzenauhütte erbaut. Sie bietet heute 140 Personen Bett und Unterkunft und gehört der Sektion Leipzig.

Nach einem Lawinenabgang 1975 musste der größte Teil der Hütte wieder aufgebaut werden. Durch das lange Flachdach aus Stahlbeton will man gegen eventuelle Lawinen besser geschützt sein. In diesem Herbst beginnen umfangreiche Umbauten, womit man noch einen Schritt weiter gehen will: größere Küche, freundlichere Gaststube, mehr Plätze, bessere sanitäre Anlagen. Damit ist man auf dem richtigen Weg, denn bei unserem Abendessen geht es gedrängt zu. Wir haben Glück, denn zum Schlaf erhalten wir Zimmer und müssen nicht in das Schnarchlager.

Für den nächsten Tag erhält Stefan mit Marco eine Unterstützung, denn die Tour auf den Wilden Freiger wird wieder über Gletscher gehen. Um 22.00 Uhr liegen alle in der Kiste.

 

Dienstag, 02.09.2014

Sulzenauhütte (2191 Meter) – Grünausee – Seescharte (2762 Meter) – Signalgipfel (3393 Meter) – Becherhaus (3195 Meter); sieben Stunden

Wie in den meisten Hütten, so auch hier: Beim Frühstück lassen sich die Wirte nicht lumpen, Brot genug, dazu Wurst, Käse, manchmal auch Schinken und meistens auch Müsli. Man kann sich wirklich den Bauch voll hauen und braucht dann über den Tag höchstens einen Müsliriegel. Oder ein Ei, das Petra schon seit Tagen herumschleppt und nicht an den Mann bzw. Frau bringt.

Fast auf die Sekunde um 07.30 Uhr machen wir uns auf die heutige Etappe, die wieder einen Gipfel jenseits der 3000 Meter als Ziel hat. Petrus wird auch heute wieder Niederschlag zur Genüge parat haben.

In unmittelbarer Nähe zur Hütte führt ein schmaler Steg ohne Geländer über den Sulzenaubach. Wem es hier schon schwindelig werden sollte, der hat in den Bergen überhaupt nichts zu suchen. Ohne mit der Wimper zu zucken oder mit den Händen in der Hosentasche (Bergführer) laufen wir über die Brücke.

Entlang eines Baches geht es immer weiter hinauf, das Gras wird weniger sattgrün und der erste Reif verzaubert das Gelände. Die Sicht ist leider schlecht, aber immerhin tanzen wir nicht in einer Waschküche herum. Auf einer Moräne kann man das ausgeschliffene Bachbett gut erkennen. Welche Kräfte haben da eingewirkt, als früher Eismassen sich hinunter gewälzt haben.

Nach einer Stunde erreichen wir den Grünausee, der auf einer Höhe von 2328 Meter liegt. Die Wasseroberfläche spiegelt die nächste Umgebung ab. Was wären das für Aufnahmen, wenn wir blauen Himmel hätten. Direkt am See führt der Stubaier Höhenweg vorbei, der die Sulzenau- mit der Nürnberger Hütte verbindet. Weitere zwei kleine Seen liegen am Bergpfad.

Dann ist innerhalb zwanzig Minuten die Umgebung schneebedeckt. Entsprechend rutschig wird das Geläuf. Ohne Ortskenntnis ein schwieriges Unterfangen, den Weg zu finden. Unterhalb der Seescharte (2762 Meter) ist es soweit. Von vorne hört man ein Fluchen des Bergführers, der nun selbst den Weg suchen muss. Alles ist verschneit, keine Markierung zu sehen. Marco geht nach vorne zu Stefan und beide versuchen dann, den Weg zu finden, ohne dass es zu gefährlich wird. Denn der verschneite Hang ist steil und an der Seite müssen wir über grobe Steine steigen.

Schließlich finden die zwei rechts oberhalb einen Steinmann und ordern uns an, hochzukommen. In der Gruppe ist es leise geworden, denn jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Über grobes Blockwerk, das dazu noch verschneit ist, marschieren wir immer weiter hinauf Richtung Gamsspitzl (3050 Meter). Sehen können wir die Spitze nicht, die Sicht ist schlecht, keine 100 Meter können wir sehen.

Etwa bei Punkt 3222 betreten wir den Gletscher. Wir legen das Seil wieder an. Nicht mehr steil zieht sich der Weg weiter hinauf, mehrmals wechseln wir zwischen Blockwerk und Gletscher. Zum Ende laufen wir über Geröll auf einem unscheinbaren Grat zu einem eigenartigen Kreuz, dass sich später als Wetterstation entpuppt.

„Der Signalgipfel reicht uns heute“, klärt uns Stefan auf, „den Wilden Freiger lassen wir bleiben.“ Aufgrund des starken Windes hat jeder Bergwanderer genug. Der Wilde Freiger ist nur gut 20 Meter höher und etwa zehn Minuten entfernt. Aber zu sehen ist nichts. Auch die geschossenen Gipfelfotos sind lediglich so lala.

Nach fünf Minuten Pause geht es auf dem Grat Richtung Becherhaus. Stefan geht vorne, räumt den Weg, sucht sichere Tritte und gibt nicht nur einmal Hilfestellung. Das Drahtseil an der Seite wird strapaziert. Teilweise ist der Weg ausgesetzt. Sehr langsam kommen wir vorwärts.

45 Minuten dauert das Gekraxele und Gewarte, dann geht es nur wenige Meter unter Mithilfenahme eines Seils auf den Gletscher hinunter. Eine Schlüsselstelle. Wenn die nicht gangbar wäre, hätte wir umkehren müssen, so Stefan am Abend. Marco verabschiedet sich von uns und geht den gleichen Weg zurück. Später wird es sich telefonisch melden, dass er heil zu Hause angekommen ist.

Keiner hat es bemerkt, dass wir mit dem Überschreiten des Signalgipfels auch die Grenze überschritten haben. Wir sind in Südtirol angekommen. Auf dem Übeltalferner steigt nun unsere Geschwindigkeit, trotz des Seils, das angelegt bleibt, denn Spalten gibt es auch hier, aber jetzt kaum zu sehen.

Wir hören Geläute und sehen außer Nebel und den Felsen rechterhand nichts. Keine Fatamorgana. Stefan hat uns am Morgen berichtet, dass auf dem Becherhaus eine Kapelle ist. Ist die an der Hütte oder ist es ein eigener Bau? Keine Ahnung. Keine zehn Minuten laufen wir auf den Gletscher, dann ist eine weiße Markierung oben auf dem Grat zu sehen. Und davor macht sich bereits Stefan dran, mittels der im Fels angebrachten Stifte und Krampen die zehn Meter Kraxelei anzugehen.

Für fünf Minuten müssen wir die Konzentration hoch halten, so kurz vor unserem Tagesziel, dann sind wir auf dem nicht mehr ganz so gefährlichen Grat. Und nach fünf Minuten erkennen wir die Umrisse des Becherhauses, das fast wie ein Schwalbennest obenauf thront. Nur, zu erkennen ist das jetzt fast nicht, die schlechte Sicht.

15.00 Uhr, der Wirt wartet schon auf uns und lädt zum Hüttenschnaps ein. Prost. Die Hüttenordnung ist puristisch: Kaum Wasser, nur zum Zähneputzen, Duschen gestrichen, gibt es eh keine, und Zapfenstreich auch nicht, denn „ihr seid meine einzigen Gäste“. Nicht ganz, denn zwei, drei weitere Wanderer haben sich hierher verirrt. Und von denen hat einer vor zehn Minuten an den Glockenseilen in der Kapelle gezogen. Dann wäre das Geläute auch geklärt.

Das Becherhaus (Rifugio Gino Biasi) liegt auf 3195 Meter Höhe direkt auf dem Gipfel des Bechers, so heißt die markante Höhe. 1894 begannen die Baumaßnahmen und schon am 18.08. des gleichen Jahres, am Geburtstag von Kaiser Franz Joseph, wurde die Hütte feierlich eröffnet. Damals wurde es als Kaiserin-Elisabeth-Schutzhaus genannt. Heute gehört die Hütte der Autonomen Provinz Bozen/Südtirol und bietet im Sommer Platz für rund 100 Gäste.

Ein Kruzifix ist an der Eingangstür zur Kapelle „Maria im Schnee“ vom Hüttenwirt Erich Pichler angebracht, bevor es in das kleine Gotteshaus hineingeht: Ein Hochaltar, ein schlichtes Marienbild, ein paar Bänke. Wenige Male wird hier in der Saison ein Gottesdienst abgehalten, wenn bergtüchtige Pfarrer es nach oben schaffen.

1911 ist die Kapelle eingeweiht und sie wurde nur deswegen erschaffen, da Bergführer sonntags ihrer Kirchgangpflicht nachkommen mussten. Eine gewisse Schläue muss man den damaligen Betreibern schon unterstellen, denn es wurde einfach eine Kapelle neben dran angebaut. Und den Pfarrern ebenfalls, die sich auf ein Inserat hin meldeten, die sonntäglichen Gottesdienste für Speis und Trank anzuhalten. Manche hielten es länger aus und der Sektion Hannover, den Betreiber, wurde es zu teuer mit dem Unterhalt der Pfarrer. So wurde dann später ein Geldbetrag für jede Messe vereinbart.

Den Nachmittag verbringen wir mit Schlaf vor dem warmen Ofen, Kartenspiel und geselliger Unterhaltung. Das Abendessen ist reichlich, die Wirtsleute gehen herum und verteilen Nachschlag, bis wir nicht mehr können. Schlau, denn einige Wandervögel brauchen dann einen Verdauungsschnaps. Später wird gesungen, Ferdl schindet ein Akkordeon (so schlimm war es nicht) und Herry zelebriert sein Hammerlied, zu dem sogar die Hüttenleute mitsingen. Spät abends ziehen wir uns in die kalten Lager zurück.

 

Mittwoch, 03.09.2014

Becherhaus – Übeltalferner – Schwarzwandscharte (3059 Meter) – Siegerlandhütte (2710 Meter); knappe sechs Stunden

Am nächsten Morgen bringt der Blick nach draußen nichts Neues. Nebel und über Nacht hat es nochmals ein wenig geschneit. Der Hüttenwirt stellt vor der Hütte seinen Schneeschieber auf die Seite und meint: „Der Winterdienst ist fertig. Außerdem rentiert sich das heuer nicht mehr“, als ich auf die 10 Quadratmeter geräumte Fläche vor der Hüttentüre deute. In wenigen Tagen wird er aufräumen und die Hütte winterdicht machen.

Zwei Mal wird unser Abmarsch von Stefan verschoben, zu schlechte Sicht. Doch dann muss es schnell gehen und wir verlassen kurz von 10.30 Uhr das Becherhaus. Ab Mittag soll sich das Wetter bessern. Schaun mer mal. Ohne Seil kraxeln wir wieder mittels der Stifte und Krampen hinunter auf den Übeltalferner.

Der Gletscher ist mit 6,2 Quadratkilometer der Größte in den Stubaier Alpen und auch in Südtirol. Der „üble Ferner“, so wurde er früher genannt, liegt oberhalb des Talschlusses des Ridnautals. Vor dort ist das Becherhaus in rund sieben Stunden erreichbar, eine sehr lange Tagestour. Die Italiener nennen den Gletscher „Ghiacciaio di Malevalle”.

Sepp wird wieder zum Hilfsbergführer ernannt. Ich werde direkt nach ihm eingebunden. So ist er auch unter Kontrolle und kann keine Sperenzel anstellen, so Stefan grinsend. Nahe beieinander marschieren wir los, die Sicht ist sauschlecht. Von der vorderen Seilschaft sind nur die letzten zwei, drei Leute schemenhaft zu erkennen. Man fragt sich, wie Stefan den Weg und die Richtung bestimmen kann. GPS hat er nicht, glaube ich.

Doch dann kommt ein fürchterlicher Fluch von vorne. Was ist geschehen? Stefan sinkt bis zum Knie ein, Karl noch tiefer, Spalten! Die erste Gruppe kehrt um, und kommt uns entgegen. Wir sind viel zu hoch, erfahren wir. Also zurück, auf dem Gletscher tiefer steigen und wieder in Richtung Westen wenden. Dieses Spiel wiederholt sich nochmal. Doch dann tauchen aus dem Nebel Felsen auf.

Der Grat zwischen Wildem Freiger, Müllerhütte und Wildem Pfaff. Wir sind richtig. Zwei Wanderer kommen entgegen, sie laufen Richtung Becherhaus. Jetzt reißt die Wolkendecke langsam auf. Das Becherhaus und auch die Müllerhütte sind zu sehen.

Innerhalb zwanzig Minuten löst sich fast die ganze Nebelpampe auf. Blauer Himmel und es wird spürbar wärmer. Punkt 12.00 Uhr halten wir eine kurze Rast. Trinken, einen Riegel verdrücken und dann marschieren wir weiter. Gigantisch ist die Aussicht: Wilder Pfaff, Sonklarspitze, Hohes Eis, Schwarzwandspitze, Hofmannspitze, die meisten dieser Berge sind über 3300 Meter hoch. Und wir befinden uns auch noch in Höhen über 3000 Meter.

Deutlich sind die Spuren der beiden Wanderer zu sehen. Die Frau vorneweg muss mit einem GPS gegangen sein, denn in Schlangenlinien ist sie gelaufen. Den Richtungswechsel hat wohl das Gerät angezeigt, und der Bergführer war hintendran. So marschiert man auf dem Gletscher. Der Unbefangene vorneweg und der Erfahrene hinten. Für den Fall, dass es für den vorderen einmal hinunter in ein Loch geht und der Hintermann reagieren kann.

Eine knappe Stunde später erreichen wir im gemächlichen Schritt die Schwarzwandscharte (3059 Meter), die zwischen Hofmannspitze (3112 Meter) und der Schwarzwandspitze (3353 Meter) gelegen ist. Die in Aussicht gestellte Besteigung der Hofmannspitze (30 Minuten mehr) lassen wir sausen. Der Gletscher endet hier und wir verstauen Seil und Beckengurt.

Ohne Seil rutschen wir mehr oder weniger galant über die Altschneefelder hinunter. Zu rasch ist die Gaudi zu Ende, dann laufen wir durch Steine und Geröll immer weiter hinunter. Erste Blumen stehen noch in volle Blüte, dann wird die Landschaft immer grüner. In der Ferne können wir das Timmelsjoch mit den Serpentinen der Straße sehen.

Auf einem kleinen Plateau wird abermals gerastet, der Ausblick, herrlich. Unter uns sehen wir den Schwarzsee (2505 Meter), auch Timmeler-Schwarzsee genannt. Dorthin führt uns der weitere Abstieg. Der Timmeler ist mit 32 Meter Wassertiefe einer der tiefsten Bergseen in Südtirol. Am See trennen sich die Wege. Während es im Tal immer weiter durch die Timmelsalm hinunter zur Passstraße zum Timmelsjoch geht, halten wir uns am See rechts. Wir müssen nochmals noch, zur Windachscharte (2846 Meter), 300 Höhenmeter warten.

Murmeltiere in den Grashängen pfeifen Alarm, dabei stellt der Wanderer doch keine Gefahr dar. Der kann lediglich mit seiner Kamera schießen. Doch oben in den Lüften kreist ein Adler ohne Flügelschlag. Anfangs zieht sich der Anstieg recht mühsam über Serpentinen hoch, dann steigen wir über Geröll und Steine. Nach 45 Minuten erreichen wir die Scharte. Und da verläuft wieder die Grenze zwischen Südtirol und Nordtirol. Dieser Weg wurde früher gern von Schmugglern benutzt, die die Abgaben zwischen dem Passeier und dem Ötztal sparen wollten. Heute lädt der Naturpark Ötztal Wanderer und Gäste zu mehreren Terminen auf eine Wanderung auf dieser Route ein. Und damit nichts passiert, werden die Urlauber von Bergführern begleitet.

An der Scharte folgt man gerne den Hinweis, nicht direkt abzusteigen, sondern einen Umweg rechts ausholend zu machen. Denn beim direkten Abstieg könnten einem die Steine auf den Kopf fallen. Steinschlaggefahr!

Die Siegerlandhütte ist nun zu sehen. Wenige heikle Stellen, meist durch den Schneematsch verursacht, sind noch zu meistern, dann bleibt das Weiß hinter uns. Nach rund 50 Minuten stehen wir vor unserem heutigen Domizil (2710 Meter). Der Ausblick hinunter ins Windachtal ist prächtig. Irgendwo ganz weit unten stehen ja unsere Autos. Die Zimmer werden verteilt, da geht es eng zu und das Licht ist nur im Gang vorhanden. Für die Nacht braucht man eine Lampe, sollte man aus der warmen Kiste raus müssen.

Das schöne Wetter nutzend, hat Maria eine Idee. „Wir gehen noch ein wenig spazieren. Oberhalb der Hütte gibt es einen kleinen See.“ Einige der Gruppe haben sich vor der Hütte in der Sonne niedergelassen, Sepp macht einen auf „Piz Buin“ in der Umgebung der Hütte und wir marschieren etwa 20 Minuten, bis wir den namenlosen See erreichen. Im Hintergrund des Sees sehen wir den Höhenzug zu den Gipfeln des „Hohen Eis“ und der Scheiblehnwand. Maria, sie ist gegen kaltes Wasser immun, und Uschi kneippen noch im Wasser, das höchstens fünf Grad hat. Für ein kurzes Sonnenbad auf einem Felsen bleibt noch Zeit, dann laufen wir zurück.

Gut 60 Leute können in der Hütte Unterschlupf finden, heute ist sie im Gegensatz zu gestern fast ausgebucht. Entsprechend geht es beim Abendessen im Gastraum zu. Das Essen ist wieder als 3-Gänge-Menü schmackhaft, auch wenn der eine oder andere die Bärlauchsuppe etwas „hantig“ im Geschmack findet. Da bleiben wenigstens die Vampire draußen.

Wir sind noch nicht mit der Nachspeise fertig, da zieht es einige Fotografen und Genießer vor die Hütte, ein Sonnenuntergang wie im Bilderbuch. Zuerst wirft der Planet noch deutlichen Schatten, dann taucht er Hütte und hinter uns liegende Gipfel in warmes Rot und schließlich ist nach 30 Minuten der Horizont feuerrot.

 

Donnerstag, 04.09.2014

Siegerlandhütte – Windachtal – Gasthof Fiegl (1956 Meter) – Seekarsee (2658 Meter) – Himmelsleiter – Hochstubaihütte (3174 Meter); sieben Stunden

Dick eingepackt machen wir uns bei Temperaturen um den Gefrierpunkt um 08.00 Uhr auf unseren weiteren Weg, der uns heute lang hinunter ins Windachtal und später mit vielen Höhenmetern (fast 1200!) wieder hinauf führt. Anfangs windet sich der Bergweg ziemlich steil hinunter Richtung Talpillen. Der Sohn des Hüttenwirts, ein Meister auf der Enduro-Machine, hat seinen Bock achtlos neben dem Weg hingeworfen. Eigentlich fährt er immer bis zur Hütte hoch, doch gestern Abend sprang die Kette runter und er zu seiner Arbeit hoch, er musste ja bedienen.

Wir sind noch nicht lange im Talgrund, da hören wir ein Motorengeräusch von hinten und der Spezialist auf dem Moto kommt von hinten an. Wahnsinn, wie der um die großen Steine herumkurvt und die Unebenheiten ausbalanciert.

An der Windachklamm machen wir eine kurze Pause und beobachten einige Murmeltiere, die in Kürze ihren Winterschlaf beginnen werden. Später müssen wir den Materiallift zur Hildesheimer Hütte beladen. Da oben ist scheinbar der Stoff ausgegangen, denn volle Bierfässer werden in den Transportkorb gestapelt.

Den weiteren Weg zum Gasthof Fiegl kennen wir schon vom ersten Tag, befestigter und gefälliger Weg. In der Wirtschaft kehren wir für Suppe und Kuchen kurz ein, es wartet ja noch ein langer Anstieg. Zwar sagt der Wegweiser fünf Stunden, doch Stefan meint, es in vier zu schaffen. Einer holt seine kurze Hose aus dem Rucksack mit den Worten „die möchte ich nicht umsonst mitgeschleppt haben“, der Siggi. Um 11.30 Uhr machen wir uns auf den Weg.

Anfangs zieht sich der Weg in langen Serpentinen kontinuierlich hoch, er ist gut zu begeben und auch nicht schwierig. Viele kleine Bäche queren unseren Weg. Schafe weiden auf dem grünen Almgebiet und lassen es sich gut gehen.

Unterhalb des Seekarsees heißt es auf einem Wegweiser zwei Stunden zum Hochstubai. Waren wir schnell auf dem bisherigen Anstieg oder scheint mit der Zeitangabe etwas nicht zu stimmen. Ich tendiere zu zweiterem.

Am Seekarsee wird kurz gerastet. Ein Blick nach oben verheißt nichts Gutes. Der Bergkamm ist verschneit. Wo der Weg verlaufen wird, ist nur im unteren Teil deutlich zu sehen. Da ist es schon steil im Schuttkar.

In Serpentinen marschieren wir langsam weiter. Geröll, Schutt und Blockwerk bestimmen zunehmend das Gehgelände zwischen dem wuchtigen Hohen Nebelkogel auf der linken Seite und der Warenkarseitenspitze (3347 Meter) rechts. Zunehmender Schneematsch macht die Sache nicht leichter. Ein wenig oberhalb des Seekarsees stoßen wir auf ein Notbiwak (2874 Meter) und noch einen kleinen See.

Von unten konnte man sich fast nicht vorstellen, dass hier am Oberen Seekar noch ein Gehgelände vorhanden ist, doch es ist tatsächlich so. Aufpassen sollte man dennoch, dass nicht loses Gestein weggetreten wird. Das ganze Gelände ist brüchig. Wenige Stellen sind versichert.

Dann liegt die eigentliche Himmelsleiter vor uns. Steinplatten sich aufeinander geschichtet, nicht alles ist jedoch trittfest und es geht atemlos nach oben. Stefan betätigt sich abermals als Schneeräumer und schabt mit seinen Pickel Schnee und Eis von den Steinplatten.

Wir sind noch nicht ganz oben, da poltern rechts von uns, etwa 100 bis 200 Meter entfernt, große Gesteinsbrocken hinunter. Steinschlag! Mit lautem Getöse springen die Steine auf einen Felsvorsprung und zerlegen sich in viele kleine Teile, die wie Geschosse in alle Richtungen fliegen. Ob jetzt Gämsen das ausgelöst haben oder sich die Brocken selbständig gemacht haben, ist unklar.

Um 15.15 Uhr sehen wir dann den Ausgang der Himmelsleiter nach oben. Zum Schluss nochmal mit einer Drahtsicherung. Vor uns baut sich dann ein erstaunlich flaches Gelände auf, im Nebeldunst können wir die Hochstubaihütte gerade noch erkennen. Nach zehn Minuten haben wir diese erreicht.

Auch hier werden wir mit einer Runde Hüttenschnaps empfangen. Da wir wieder voraussichtlich die einzigen Gäste bleiben, erhalten wir geräumige Zimmer mit sechs bzw. acht Betten. Die nassen Schuhe dürfen wir sogar zum Trocknen in die gut geheizte Gaststube mitnehmen.

Für einen Lacher sorgt jedoch eine Hinweis bei der Dusche: Eine kalte Dusche kostet 2,50 EUR und eine kalte Dusche mit warmen Wasser 5,00 EUR. Hat das jemand aus der Gruppe ausprobiert? In der Biotoilette hängt auch ein Zettel, wo es heißt: „Deckel zu! Damit die Kinder nicht reinfallen!“

In der Küche ist zu lesen:

„Wer täglich arbeitet wie ein Pferd,

fleißig ist wie eine Biene,

abends müde ist wie ein Hund,

der sollte zum Tierarzt gehen.

Es könnte sein,

dass er ein Kamel ist!“

1938 wurde diese Hütte feierlich eingeweiht, 42 Betten im Lager und in den Zimmern können vergeben werden, dazu einige Notlager. Bei klarer Sicht ist ein Rundblick über die Gipfel der Zentralalpen von Zugspitze bis zu den Dolomiten möglich.

Einige aus der Gruppe haben noch nicht genug und erkunden das Gelände um die Hütte, andere nehmen noch ein Sonnenbad, dick in Decken eingewickelt. Vor dem Abendessen schindet Ferdl noch das hütteneigene Klavier. Nein, es macht das wie ein Maestro aus dem klassischem Genre: hochkonzentriert und emotional. Applaus ist sicher.

Draußen kommt dann doch noch eine Nachzüglergruppe, total ausgepumpt und auseinandergerissen, jeder für sich kämpfend. Müssen dem Slang nach Sachsen sein, sie sprechen von einer Genusswanderung. Das schaut aber anders aus. Zum Abendessen wird eine geräucherte Gamswurst mit Kraut und Speckknödel serviert. Lecker, und Nachschlag gibt es auch.

 

Freitag, 05.09.2014

Hochstubaihütte – Hoher Nebelkogel (3211 Meter) – Laubkarsee (2670 Meter) – Stallwiesalm (1850 Meter); vier Stunden

Nach dem Frühstück wird der nebenan liegende Hohe Nebelkogel um 08.00 Uhr angegangen. Die Rucksäcke lassen wir für die 30minütige Exkursion auf der Hütte zurück. Zur Himmelsleiter werfen wir einen Blick hinunter. Jetzt ist sie abgetrocknet, ohne Schnee und gefährlich schaut sie auch nicht mehr aus.

Mit unschwieriger kurzer Kletterei führt ein Grat hinüber auf den Nebelkogel. Trotz leichter Bewölkung herrscht gute Fernsicht nach allen Seiten. Wir sehen deutlich das Zuckerhütl, das Brunnenkogelhaus, das Venter Tal mit Similaun und Wildspitze sowie die Spitzen um Hochsölden und Rettenbachferner.

Nach einigen Gipfelbildern kehren wir zur Hütte zurück, wo wir unsere Rucksäcke aufnehmen und den Abstieg beginnen.

Blicke auf den aperen Boden zeigen kleinste Blumen wie den Schnee-Enzian, der hier oben in über 3000 Meter Höhe schwierigste Bedingungen zum Wachsen hat. Höchstens zwei, drei Monate dauert die Vegetationszeit.

Wir laufen über einige Schneefelder schon abwärts, dann geht es über Geröll weiter. Im Bereich der Laubkarscharte (2759 Meter) windet sich der Steig tief nach unten. Jeder Schritt will konzentriert gemacht werden.

Leichter wird der weitere Weg ab dem Laubkarsee (2670 Meter), vom Geröll zum Pfad, zwar schmal, aber besser begehbar. 500 Höhenmeter sind wir schon abgestiegen, weitere 800 sollen noch folgen. Das Gelände wird zunehmend grüner. Einige Wasserläufe schlängeln sich durch Grasinseln, um dann später wieder im Gestein zu verschwinden.

Dann sind bereits erste Schafe zu sehen. Auf der anderen Seite sehen wir das Brunnenkogelhaus (2738 Meter), woran wir unsere Höhe gut messen können. Immer weiter zieht sich der Abstieg, am Wegrand sehen wir Preiselbeeren und Heidekraut. Einige aus der Gruppe scheinen Durst zu haben, denn die geben Gas. Die anderen genießen die schöne Aussicht.

An der Kleblealm (1983 Meter) erreichen wir wieder die Zivilisation, denn Wanderer ohne Gepäck sind hier unterwegs. Weiter oben findest du diese Spezies nicht mehr. Wir wandern noch ein kleines Stück durch Almgebiet und Wald hinunter, um dann bei der Stallwiesalm einzukehren. Die Wanderung endet.

Beim letzten gemeinsamen Essen wird ein Resümee gezogen: Es hat wieder viel Spass gemacht, auch wenn einige schwere und anstrengend Passagen wir überwinden mussten. Und: Wir sind nicht nass geworden, denn für Regen war es meist zu kalt, so Stefans sarkastischer Kommentar zum Wettergeschehen.

Nach dem Essen bedankt sich Herry bei unserem Bergführer für die Begleitung auf den langen und hochalpinen Touren. Erst Pläne für das nächste Jahr werden auch schon geschmiedet. Vielleicht die Dolomiten und als Gipfelziel die Marmolata.

Der Busfahrer, der uns zu den Fahrzeugen bringen soll, verpennt seinen Einsatz, so dass wir da uns noch eine Verspätung einhandeln. Am Parkplatz verabschieden wir uns von den schwäbischen Freunden Karl und Radko und von Stefan. Spätabends kommen wir dann in Neuburg an, der Alltag hat uns wieder.